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Ungewöhnlich ruhiger tropischer Atlantik!

15. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

Während im östlichen Pazifik bereits drei starke Hurrikane der Kategorie 3 oder höher beobachtet wurden, blieb der Atlantik bislang von einem Hurrikan verschont. Die jüngste tropische Aktivität konzentrierte sich von Ende August bis Anfang September auf den Golf von Mexiko. Dort entwickelte sich Tropensturm EDOUARD, der anschließend an der Golfküste zwischen Louisiana und Texas an Land ging und sich über dem Festland rasch abschwächte. Der Sturm erreichte während seiner relativ kurzen Lebensdauer einen minimalen Kerndruck von etwa 998 hPa und maximale Windgeschwindigkeiten von 85 bis 100 km/h. Damit blieb EDOUARD deutlich hinter der Intensität zurück, die starke Hurrikane im Atlantik erreichen können.

Die bisher aufgetretenen tropischen Wirbelstürme über dem Atlantik in der diesjährigen Saison. Bisher konnte sich noch kein Hurrikan entwickeln. Insgesamt gab es 5 tropische Stürme.

Bereits wenige Tage zuvor hatte sich über dem zentralen Atlantik DOLLY zu einem Tropensturm entwickelt. Auch dieses System konnte sich jedoch nicht nachhaltig verstärken und löste sich unter zunehmend ungünstigen atmosphärischen Bedingungen innerhalb von 24 Stunden wieder auf. Seit dem 3. September ist der Atlantik nun komplett frei von Tropenstürmen und Hurrikans.

Ein wesentlicher Grund für die derzeit geringe Aktivität ist die ausgeprägte vertikale Windscherung. Dabei unterscheiden sich Windgeschwindigkeit und Windrichtung zwischen der unteren und der oberen Troposphäre deutlich. Während in der oberen Troposphäre über dem mittleren Atlantik teils kräftige Westwinde vorherrschen, wehen in der unteren Troposphäre überwiegend eher schwach ausgeprägte östliche Winde. Für tropische Wirbelstürme ist eine solche Umgebung äußerst ungünstig.

Insbesondere im Bereich der Karibik und des tropischen Atlantiks können die mit dem aktuellen El-Niño-Ereignis verbundenen atmosphärischen Zirkulationsänderungen die Windscherung verstärken. Wird ein sich entwickelndes tropisches Tief von starken Winden in höheren Luftschichten überströmt, wird dessen vertikale Struktur zunehmend gestört. Die für eine weitere Intensivierung notwendige symmetrisch angeordnete hochreichende Konvektion kann sich dadurch kaum formieren.

El Niño ist allerdings nicht der einzige Faktor. Die tatsächliche Aktivität einer Hurrikan-Saison ergibt sich aus dem Zusammenspiel verschiedener großräumiger und regionaler Prozesse. Dazu gehören unter anderem die Meeresoberflächentemperaturen, die Windscherung, die Feuchteverteilung in der Atmosphäre, die Lage subtropischer Hochdruckgebiete sowie die Madden-Julian-Oszillation (MJO).

Ein weiterer ungünstiger Faktor ist die derzeit häufig vorhandene trockene Luft über Teilen des tropischen Atlantiks. Trockene Luft in der mittleren Troposphäre kann in tropische Störungen vor allem bei starker vertikaler Windscherung eingemischt werden und dadurch die Entwicklung von hochreichender Konvektion behindern.

Auch die wiederholt auftretenden Saharastaub-Ausbrüche spielen eine Rolle. Staubhaltige, trockene Luftmassen können die Atmosphäre stabilisieren und damit die Bildung beziehungsweise Organisation kräftiger Gewitterzellen erschweren. Für ein tropisches Tiefdruckgebiet ist das problematisch, da seine weitere Entwicklung auf einer anhaltenden und ausreichend hochreichenden Konvektion aufbaut. Die Kombination aus trockener Luft, Saharastaub und starker vertikaler Windscherung stellt deshalb derzeit eine besonders ungünstige Umgebung für die Entwicklung tropischer Wirbelstürme dar.
Aktuell befindet sich zwar ein Gewittersystem über dem subtropischen Atlantik – eine Verstärkung zu einem Hurrikan ist aber zunächst unwahrscheinlich, da sich das Gewittersystem in einer Umgebung mit relativ starker Windscherung befindet. Allerdings könnten sich die Umgebungsbedingungen zur Wochenmitte verbessern. Damit ist im weiteren Verlauf zumindest die Entwicklung des Gewittersystems zu einem Tropensturm nicht ausgeschlossen. Abgesehen davon ist der tropische und subtropische Atlantik, sowie auch der Golf von Mexiko weitgehend störungsfrei. Und auch die Vorhersage für die nächsten Tagen zeigt kein Aufleben der tropischen Wirbelsturmaktivität über dem Atlantik.

Die probabilistische Vorhersage von Tropenstürmen und Hurrikans über dem Atlantik. Aktuell befindet sich eine Störung über dem subtropischen Atlantik, die sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 % innerhalb von 7 Tagen zu einem Tropensturm entwickeln kann.

Ist die Hurrikan-Saison damit schon vorbei?

Die offizielle atlantische Hurrikan-Saison dauert noch bis zum 30. November. Auch wenn der klimatologische Höhepunkt normalerweise von Anfang bis Mitte September liegt, können sich im Oktober und sogar noch im November tropische Wirbelstürme entwickeln.

Derzeit spricht zwar vieles für eine weiterhin unterdurchschnittliche Aktivität. Insbesondere die hohe vertikale Windscherung ist ein wichtiger hemmender Faktor. Dennoch wäre es falsch, bereits jetzt das endgültige Ende der Saison vorherzusagen. Auch die Erfahrung aus vergangenen El-Niño-Jahren zeigt, dass eine ruhige erste Saisonhälfte nicht zwangsläufig eine ruhige zweite Hälfte bedeutet. Das Jahr 1997 ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Damals herrschte ein außergewöhnlich starker El Niño, dennoch entstanden im weiteren Verlauf der Saison insgesamt drei Hurrikane.

Eine mögliche kurzfristige Veränderung könnte zudem durch die Madden-Julian-Oszillation (MJO) ausgelöst werden. Eine Phase verstärkter tropischer Konvektion kann die großräumige Zirkulation über dem Atlantik beeinflussen und dadurch vorübergehend günstigere Bedingungen für tropische Entwicklungen schaffen. Ob daraus tatsächlich Hurrikane entstehen können, hängt jedoch von den gleichzeitig herrschenden atmosphärischen Bedingungen, wie den regionalen Meeresoberflächentemperaturen, der troposphärischen Feuchte und der Windscherung ab.

Damit bleibt die weitere Entwicklung offen. Sollte die starke Windscherung über dem tropischen Atlantik jedoch über längere Zeit bestehen bleiben und sollten keine anderen großräumigen Prozesse für eine deutliche Verbesserung der Bedingungen sorgen, könnte die Saison tatsächlich als eine der schwächsten atlantischen Hurrikan-Saisons in die Statistik eingehen. Historisch schwache Saisons waren insbesondere 1907 und 1914: In beiden Jahren wurde im Atlantik kein einziger Hurrikan registriert. Ob die Saison 2026 am Ende tatsächlich in diese Kategorie fällt, lässt sich aktuell allerdings noch nicht seriös beurteilen.

M.Sc. Meteorologe Nico Bauer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 15.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

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Magdeburger Halbkugeln – Auf der Suche nach dem Nichts

14. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

In einer sehr religiösen Welt, in der die Vorstellung eines Raumes mit absoluter Leere auf Erden nicht in das Glaubensbild der Menschen passte, wollte der Magdeburger Bürgermeister Otto Guericke genau dies erzeugen. 1656 startete er seine Experimentenreihe mit einem Holzfass. Seine Theorie: Wenn zuerst Wasser in das Fass gefüllt wird und er dieses dann ablasse, müsste in dem Fass die gesuchte Leere herrschen. Sein Problem jedoch: Das verwendete Holzfass war nicht komplett dicht und es gelangte Luft hinein. Dies hörte er an den Blasen, die durch das Eindringen der Luft entstanden. Er brauchte ein stabiles und dichtes Gefäß und ließ sich schließlich von einem Kupferschmied zwei Halbkugeln anfertigen. Außerdem verwendete er eine bessere Pumpe, mit der er direkt die Luft aus den zusammengesetzten Halbkugeln absaugen konnte. Nach kräftigem Ziehen und Zerren war schließlich all die Luft aus der Kupferkugel herausgepumpt und Guericke hatte sein Ziel erreicht. In dem Gefäß befand sich absolut nichts.

Doch bei dem Versuch, die beiden Halbkugeln wieder auseinanderzunehmen stellte er etwas Überraschendes fest. Egal wie viele starke Männer er an den beiden Hälften ziehen ließ, sie wollten sich einfach nicht trennen, obwohl sie von außen nicht aneinandergeschraubt waren. Darum besorgte er 16 Pferde und spannte je 8 vor eine Halbkugel. Auch diesen gelang das Auseinanderziehen nicht. Die Luft in der Umgebung schien so stark zu sein, dass sie die beiden Teile so zusammendrückte, dass sie nicht trennbar waren.

Guerickes Experiment, die beiden Halbkugeln mithilfe von Pferden zu trennen.

Mit diesem spektakulären Trick trat Guericke unter anderem bei Fürsten auf. Doch die Frage, wie stark nun die Luft genau sei, ließ ihn nicht los. Um dies herauszufinden, befestigte er die obere Halbkugel an einem Galgen und hängte an die untere Hälfte eine Waage, auf die er nach und nach Gewichte stellte. Gewicht um Gewicht fügte er hinzu, doch die Kugel blieb als Ganzes. Schließlich nach 275 kg trennten sich die beiden Teile. Dass die Luft einem solch hohen Gewicht entgegenwirken konnte, beeindruckte Guericke und er fragte sich, was er noch alles mithilfe dieser Kraft machen könne.

Magdeburger Halbkugeln am Galgen befestigt mit Gewichten darunter.

So kam er auf die Idee, eine luftleere Röhre in Wasser zu halten. Nach seiner Vorstellung müsse das Wasser nun in der Röhre nach oben steigen. Dies geschah auch, sogar bis in eine Höhe von 12,7 Metern. Um zu schauen, wie und ob sich der Wasserstand verändere, markierte Guericke die Höhe des Pegels. Nach einer Weile sank dieser. Guericke vermutete zunächst, dass das Rohr nicht mehr dicht sei. Doch an einem anderen Tag stieg die Wasserhöhe erneut. Das ist wirklich seltsam, oder? Nun ein kleiner Tipp, um des Rätsels Lösung näherzukommen: Der Wasserpegel stieg an Tagen mit gutem Wetter und fiel bei schlechtem Wetter. Guericke entwickelte mit diesen einfachen Mitteln also eine Methode, um festzustellen, ob gerade Hochdruck („schönes“ Wetter) oder Tiefdruck („schlechteres“ Wetter) vorliegt. Bei hohem Außendruck wird das Wasser mehr in das Rohr gepresst und steigt höher, andersherum bei niedrigerem Außendruck. Durch das Studieren dieses Zusammenhangs gelang es ihm, vereinfachte Vorhersagen über das Wettergeschehen zu tätigen. Damit wurde Guericke dann berühmt und durfte sich fortan Otto von Guericke nennen.

Er wies mit seinen Versuchen nicht nur die Existenz des Vakuums nach, sondern entdeckte schon im 17. Jahrhundert eine der Grundlagen der Wettervorhersage.

Meteorologin Anna-Lena Dötsch / Dipl.-Met. Tobias Reinartz
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 14.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

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Geschichte der Meteorologie − Teil 17: Etablierung nationaler meteorologischer Institute ab etwa 1800 außerhalb Europas (c) und internationale meteorologische Konferenzen

13. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

Im letzten Teilbereich der Geschichte zur Meteorologie zur Etablierung nationaler meteorologischer Institute blicken wir auf Afrika, ehe ein Überblick über die internationale meteorologische Zusammenarbeit erfolgt.

Südafrika war über längere Zeit in mehrere britische Kolonien aufgeteilt. Initiiert durch meteorologische Beobachtungen durch den Königlichen Astronomen am Kap der Guten Hoffnung, dem irisch-südafrikanischen Astronom Sir Thomas Maclear (1794−1879) wurde 1860 in der Kapkolonie die Meteorologische Kommission am Kap der Guten Hoffnung gegründet.

Fotografie von Thomas MacLear, 1860, Quelle: Materialscientist über Wikimedia Commons

In der Oranjefluss-Kolonie (Orange River Colony) wurden erste meteorologische Messungen 1878 durch den britischen Meteorologen John Brebner (1833−1902) in Bloemfontein initiiert. 1881 nahm er weitere Stationen in Betrieb, die allerdings nur Niederschläge aufzeichneten. Im Bereich des Ministeriums für Landwirtschaft wurde 1903 eine meteorologische Abteilung gegründet, die vom britischen Meteorologen James Lyle (1871−1941) geleitet wurde. Aus demselben Jahr liegen von dort erste Messungen vor. In der Kolonie Natal begannen systematische Wetteraufzeichnungen ab 1882 am Natal-Observatorium in Durban. Ältere temporäre Messungen aus Pietermaritzburg reichen bis 1858 zurück. In der Kolonie Transvaal wurde 1903 eine meteorologische Abteilung gegründet. Ihr Sitz war das Union-Observatorium bei Johannesburg, das als meteorologisches Observatorium erbaut worden war. Dessen erster Direktor, der britisch-südafrikanische Astronom Robert Innes (1861−1933), baute das Observatorium zu einem astronomischen Observatorium um. Nach Bildung der Südafrikanischen Union 1910 wurden alle meteorologischen Dienste der vormaligen vier Kolonien zum Union of South Africa’s Weather Service vereinigt, der bei der staatlichen Abteilung für Bewässerung angesiedelt wurde. Erster Leiter wurde der südafrikanische Meteorologe Charles Stewart (ca. 1870?−nach 1931). 1940 erfolgte die Umgliederung ins Verteidigungsministeriums, 1949 unter dem Namen „South African Weather Bureau“ ins Verkehrsministerium.

In der ehemaligen britischen Kolonie Rhodesien, die das heutige Sambia und Simbabwe umfasst, starteten erste Niederschlagsmessungen 1878 an der Hope Fountain Mission, einer christlichen Missionsstation nahe Bulawayo. Systematische meteorologische Messungen begannen 1897 am Jesuiten-Observatorium in Bulawayo und in Salisbury (heute Harare). Das Jesuiten-Observatorium diente der Suche nach Wegen zur systematischen Wetteraufzeichnung für Landwirtschaft und Bergbau und lieferte die ersten präzisen Datensätze von Luftdruck und Wettergeschehen der Region. In der Folge baute der aus dem Elsass stammende französische Jesuitenpater, Mathematiker und Astronom Edmund Goetz (1865−1933) das später nach ihm benannte Observatorium aus und stattete es mit neuen Messinstrumenten aus. Neben der Meteorologie wurden am Observatorium auch astronomische und erdmagnetische Beobachtungen durchgeführt. Ab 1922 wurden synoptische Wettermeldungen täglich durchgeführt. Ab 1924 wurden regelmäßige Wettervorhersagen an die Presse gegeben und mittels Telegraphie an die Postämter gesendet.

Erste meteorologische Aufzeichnungen in Madagaskar führten katholische Missionare um 1884 durch, die sich in Andohalo (heute ein Stadtteil der Hauptstadt Antananarivo) niedergelassen hatten mit dem Ziel, dort landwirtschaftliche Praktiken zu verbessern. 1901 wurde durch den französischen General und Kolonialverwalter Joseph Gallieni (1849−1916) der Landwirtschaftliche meteorologische Dienst und Wettervorhersagedienst gegründet. 1927 wurde der Dienst in „Direktion der Meteorologischen Dienste von Madagaskar und seinen abhängigen Gebieten“ umbenannt und erweiterte seine Dienstleistungen und seinen Zuständigkeitsbereich.

Erste temporäre meteorologische Messstationen in Abessinien oder Äthiopien wurden im 19. Jahrhundert durch Missionare und Entdecker betrieben. Ab 1890 betrieben Italiener eine Messstation nahe der später gegründeten Stadt Adami Tullu südlich von Addis Abeba, ab 1896 folgte eine weitere in Gambela im äußersten Westen. Systematische Messungen in Addis Abeba starteten 1902. Während der italienischen Invasion zwischen 1936 und 1941 im Abessinienkrieg wurden 192 Messstationen eingerichtet. Seit 1951 wurde das Messnetz auf 495 Stationen für den Flugbetrieb ausgebaut und bei der Zivilluftfahrt eine Abteilung gegründet, die sich mit meteorologischen Angelegenheiten befasst.

Im Sudan (damals unter anglo-ägyptischer Besatzung bzw. Verwaltung) wurde 1890 eine erste Messstation in Sawakin (Suakin) südlich von Port Sudan an der Küste des Roten Meeres eingerichtet. Bis 1920 wuchs die Anzahl der Messstation auf 16. 1937 erfolgte die Gründung der Sudan Meteorological Authority.

Im britischen Protektorats- und Kolonialbereich Nigeria starteten 1887 meteorologische Messungen in Akassa im Mündungsbereich des Flusses Niger. 1907 wurde eine Messstation in Ilorin nördlich von Lagos und 1909 eine weitere in Lokoja (hier mündet der Nebenfluss Benue in den Niger) eingerichtet. 1937 wurden die verschiedenen Messtationen in einer einheitlichen Abteilung der britischen westafrikanischen Wetterdienste organisiert.

Ghana war unter dem Namen Goldküste eine Kolonie in Britisch-Westafrika. Die Beobachtung von Wetterphänomenen begann in den 1830er Jahren in der Umgebung der Aburi-Gärten in der Ostregion durch die Basler Mission. 1886 richtete die britische Kolonialregierung drei klimatologische Stationen entlang der Küste der Kolonie ein, deren Betrieb den medizinischen Abteilungen anvertraut wurde. 1937 wurde in der Goldküste die Abteilung für den britischen westafrikanischen Wetterdienst gegründet.

Mali war als französisches Territorium unter den Bezeichnungen Französisch-Sudan sowie Obersenegal und Nigar administrativ ein Teil von Französisch-Westafrika. Erste meteorologische Messstationen wurden im Zuge der kolonialen Expansion 1895 in Kayes im Westteil des Landes, der damaligen Hauptstadt, 1897 in Timbuktu und 1900 in Nioro du Sahel im Westteil des Landes eingerichtet. 1930 wurde dann der Wetterdienst von Französisch-Sudan gegründet. Er war im Rahmen des Wetterdienstes von Französisch-Westafrika technisch mit den anderen Gebieten von Französisch-Westafrika verbunden, dessen Bundesdirektion für Meteorologie ihren Sitz in Dakar (Senegal) hatte. 1937 wurde das Netz der Wetterbeobachtungsstationen eingerichtet, das über einen Flugwetterdienst verfügte. Dieser lieferte meteorologische Informationen für Flugrouten, insbesondere auf den Strecken zwischen Bamako und Timbuktu, Gao und Dakar. Diese Wetterstationen wurden bis zur Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1960 von zivilem Personal der Verwaltung für öffentliche Arbeiten oder von Militärpersonal unter französischer Leitung betrieben. Nach diesem Zeitpunkt wurde die Ablösung des französischen Führungspersonals schrittweise durch malisches Personal gewährleistet. Im benachbarten Senegal wurden im 19. Jahrhundert nur vereinzelt vorübergehend meteorologische Messungen auf der Halbinsel Cap Vert, der Westspitze Afrikas, durchgeführt. 1920 erfolgten erste systematische Messungen in Diourbel östlich von Dakar. In Dakar starteten Wetterbeobachtungen 1945.

In der portugiesischen Kolonie Kap Verde fanden erste meteorologische Beobachtungen 1854 im Hafen von Vila da Praia an Bord des Kriegsschiffes „Andorinha“ durch den portugiesischen Leutnant Fernando Maria Gama Lobo (1829−1879) statt. 1857 erfolgte die Einrichtung einer ersten meteorologischen Messstation im Bereich des Militärkrankenhauses in Praia. Diese wurde von dem portugiesischen Pharmazeuten Manuel Leyguarda Pimenta (ca. 1844−1868) geleitet. 1883 folgte eine weitere in Mindelo. Diese wurde von Jacinto Augusto Medina (1838−ca. 1895), einem portugiesischen Mediziner aus Madeira, geführt. Die meteorologischen Daten wurden per Telegramm über Unterseekabel an den internationalen meteorologischen Dienst gesendet. 1949 erfolgte die Gründung des Kapverdischen Meteorologischen Dienstes.

Erste meteorologische Messungen im modernen Sinne im damaligen französischen Protektorat Tunesien sind 1873 datiert, allerdings ohne Ortsangabe. 1885 wurde eine französische Wetterstation in Tunis eingerichtet. Das Office Météorologique de France baute 1923 ein Messnetz auf. Dessen Zentralstation war am Flughafen El Aounia (heute Flughafen Tunis) eingerichtet und hieß Service d’El Aounia.

Im Bereich der Deutschen Schutzgebiete in Afrika wurden Überseestationen eingerichtet, deren meteorologische Messungen als die ersten in dieser Region gelten. Von besonderem Interesse waren Niederschlag und Temperatur. In Ostafrika (heute Tansania, Ruanda und Burundi) starteten 1891 meteorologische Messungen im ersten Verwaltungssitz Bagamoyo sowie nachfolgenden Verwaltungssitz Daressalam und in Tanga (im Nordosten, alle in Tansania). In den Residenturen Urundi begannen meteorologische Beobachtungen 1908 in Marienheim (Usumbura; heute Bujumbura in Burundi) sowie in Ruanda 1911 in Kigali. Etwas länger reichen die Aufzeichnungen der Überseestation Sansibar in der Stone Town im außerhalb des Schutzgebiets gelegenen Sultanat Sansibar zurück, diese begannen 1886. 1895 wurde in der Kolonie Deutsch-Ostafrika der offizielle Posten eines Regierungs-Meteorologen mit Sitz an der Kaiserlichen Hauptwetterwarte Daressalam geschaffen. Dessen Aufgabe bestand darin, das Klima des Schutzgebietes wissenschaftlich zu erfassen und ein Beobachtungsnetz aufzubauen, um Landwirtschaft und Schifffahrt zu unterstützen. Der erste Amtsinhaber Hans Maurer (1868−1945), Mathematiker, Geophysiker und Meteorologe aus dem Großherzogtum Hessen, baute in seiner Amtszeit von 1895 bis 1899 das bis dahin unstrukturierte Messnetz aus Missions- und Militärposten zu einem wissenschaftlich verlässlichen Stationsnetzwerk aus. Ihm folgte der deutsche Geograph und Meteorologe Carl Uhlig (1872−1938) als nächster Regierungs-Meteorologe nach. Er führte in seiner Amtszeit von 1900 bis 1906 die Arbeiten seines Vorgängers fort und erfasste bei Forschungsexpeditionen am Kilimandscharo und am Maeru (Mount Meru) die dortigen klimatischen und topographischen Verhältnisse. Ab 1906 übernahm der deutsche Meteorologe Gerhard Castens (1877−1963) den Amtsposten. Unter seiner Leitung erreichte das meteorologische Messnetz der Kolonie seinen Höhepunkt. Er baute das System bis zum Ersten Weltkrieg auf zeitweise rund 60 Stationen höherer Ordnung und etwa 400 Regenwarten aus. In Kamerun begannen Wetterbeobachtungen 1885 in Duala (Douala), 1889 in Jaunde (Yaoundé) und 1891 in Buea (vorübergehender Verwaltungssitz). Mit Garbabi liegt eine Überseestation des Schutzgebietes im heutigen Nigeria (Messungen ab 1911). Im Bereich Neukamerun wurden auch Überseestationen eingerichtet, deren Messdauer in 1913, teils auch in 1912, jedoch relativ kurzer Dauer war (Fianga im heutigen Tschad, Mbaiki oder Mbaïki bei Bangui, heute Zentralafrikanische Republik, Ikelemba oder Ikélemba, heute Republik Kongo sowie Ukoko und Ojem oder Oyem, beide in Gabun). Zunächst wurde der Wetterdienst in Kamerun oft behelfsmäßig und dezentral durch koloniale Dienststellen, Faktoreien von Handelshäusern oder Missionsstationen betrieben und durch die Kaiserliche Versuchsanstalt in Victoria koordiniert. Von dort wurden die ersten systematischen Wetter-, Regen- und Temperaturmessungen für die Region organisiert, um den Plantagenbau (z. B. Kakao und Kautschuk) wissenschaftlich zu unterstützen. Nach dem Vorbild von Deutsch-Ostafrika wurde 1912 ein Amtsposten des Regierungs-Meteorologen geschaffen, dessen Aufgabe der Aufbau eines flächendeckenden Messnetzes und Wetterbeobachtungsdienstes war. Hauptsitz war die kühlere Bergstation in Buea. Einziger Amtsinhaber war der deutsche Meteorologe Paul Heidke (1877−1953).

Meteorologische Hauptstation in Buea (Kamerun), 1913, Quelle: Archiv Deutsche Seewarte über Deutscher Wetterdienst

In Südwestafrika (heute Namibia) begannen meteorologische Messungen 1882 in Omaruru und 1883 in Rehoboth. Die Messreihe am Verwaltungssitz Windhuk (Windhoek) startete 1891. Der württembergische Geograph und Meteorologe Karl Dove (1863−1922) bereiste das Schutzgebiet zwischen 1892 und 1894 in staatlichem Auftrag. Er führte die ersten systematischen meteorologischen und klimageographischen Studien durch und legte den wissenschaftlichen Grundstein für die spätere landwirtschaftliche Nutzung. Das spätere Messnetzwerk, welches mit rund 420 Stationen das größte und dichteste aller deutschen Kolonien war, unterstand zunächst der Kaiserlichen Bergbehörde in Windhuk. Später wurden die meteorologischen Daten zentral von der Kaiserlichen Hauptwetterwarte in Windhuk verwaltet. Die täglichen Messungen vor Ort, oft reine Regenmessungen, wurden meist nebenamtlich von Regierungsbeamten, Stationsleitern oder Soldaten der Schutztruppe sowie lokalen Farmern durchgeführt. In Togoland (Togo und Ostteil von Ghana) wurden erste Messungen in der Kolonialstation Misahöhe (heute Misahoe, Togo) ab 1890 getätigt, im Verwaltungssitz Lome (heute Lomé) starteten diese 1892 und im Bergland der Volta-Region in Ahmedschowe (heute Amedzofe in Ghana) 1895. Die Wetterstationen unterstanden der Leitung des Kaiserlichen Vermessungsamtes in Lome.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in vielen Staaten meteorologische Messungen vorgenommen und meteorologische Messnetze innerhalb der jeweiligen Landesgrenzen eingerichtet, welche vielfach in meteorologischen Institutionen der jeweiligen Länder mündete. Für die weitere Entwicklungen der Meteorologie war es unabdingbar, die Messmethoden und die Art der Messinstrumente einheitlichen Standards zu überführen und die meteorologischen Daten auszutauschen. Auf Initiative des US-amerikanischen Marineoffiziers und Hydrographen Matthew Fontaine Maury (1806−1873) luden die britische und die US-amerikanische Regierung andere Nationen zu einer ersten internationalen meteorologischen Konferenz nach Brüssel ein, die 1853 unter Vorsitz des belgischen Astronomen und Statistikers Adolphe Quetelet (1796−1874) abgehalten wurde.

Porträt des belgischen Astronomen Adolphe Quetelet von Joseph-Arnold Demannez (1825–1902), Stahlstich. Quelle: Annuaire de l’Académie royale de Belgique, 1875, vol. 41, p. 108, Brüssel, über Wikimedia Commons

Das Hauptziel der Konferenz bestand darin, eine dauerhafte internationale Zusammenarbeit bei der Erforschung der meteorologischen Bedingungen über dem Meer zu etablieren. Man einigte sich auf die Form der Beobachtungsprotokolle auf Militär- und Handelsschiffen, die als Logbuch meteorologische, astronomische und magnetische Messungen und Beobachtungen umfassen und nach Ankunft im jeweiligen Hafen den zuständigen Stellen zur Auswertung übergeben werden müssen. Die beiden Temperaturskalen Fahrenheit und Celsius wurden anerkannt und zehn Wolkentypen zur Beobachtung festgesetzt. Auch nichtteilnehmende Nationen akzeptierten die getroffenen Vereinbarungen und setzten meteorologischen Messverfahren auf den Schiffen ein. Um 1860 setzte sich die Erkenntnis durch, dass die getroffenen internationalen Vereinbarungen auf See auch für Bodenmessungen sinnvoll seien. Um Wetterkarten zu erstellen, mussten Daten sowohl vom Land als auch vom Meer her gesammelt werden. Dies war zweifellos der Hauptgrund für die Gründung der Internationalen Meteorologischen Organisation. Der Schweizer Meteorologe und Physiker Heinrich von Wild (1833−1902), der aus Mähren stammende österreichische Meteorologe Karl Jelinek (1822−1876) und der preußische Astronom und Meteorologe Carl Bruns (1830−1881), Direktor der Sternwarte Leipzig, luden mit den Worten „Wenn es ein Gebiet der Wissenschaft gibt, das von einem einheitlichen System profitiert, dann ist es die Meteorologie“ 1872 Meteorologen aller Länder zu einer Konferenz in Leipzig ein, auf der die Wetterbeobachtung international koordiniert werden sollte. Sie resultierte in großen Meinungsunterschieden sowohl hinsichtlich der besten Instrumente, ihrer Aufstellung am Messort als auch der Wahl der Maßeinheiten und des Beobachtungszeitpunkts. Auf der nächsten internationalen meteorologischen Konferenz in Wien 1873 wurde mit dem Ständigen Ausschuss ein Gremium eingerichtet, aus welchem bis 1879 durch den niederländischen Naturwissenschaftler Christoph Buys Ballot (1817−1890) die erste Internationale Meteorologische Organisation (IMO) ins Leben gerufen wurde. Deren erster Präsident wurde Buys Ballot. Der Ständige Ausschuss traf sich 1874 und 1878 in Utrecht und dazwischen 1876 in London. Nach dem nächsten internationalen meteorologischen Kongress 1879 in Rom traf sich ein eingerichtetes internationales meteorologisches Komitee öfter.

Teilnehmer der Meteorologen-Konferenz 1879 in Rom, Quelle: Музей-архив Д. И. Менделеева (СПбГУ) bzw. Dmitry Mendeleev’s Memorial Museum Apartment, St. Petersburg, via Serge Lachinov, 2009, über Wikimedia Commons

Daneben wurden Treffen der Direktoren nationaler Wetterdienste etabliert. Dabei wurde vereinbart, das Haarhygrometer und das Aneroidbarometer als Begleitinstrumente zum Quecksilberbarometer einzusetzen und für die Wolkenbeobachtung wurde Howards Wolkenklassifikation übernommen. Russland führte das metrische System ein und passte seinen Kalender an. Keine Einigung konnte über die Celsius-Skala der Temperaturmessung erzielt werden, so dass auch heute noch teilweise Fahrenheit verwendet wird.

Im Rahmen der Internationalen Meteorologischen Organisation wurden Vereinbarungen getroffen, die von großer wissenschaftlicher Bedeutung waren. So organisierte die Österreichisch-Ungarische Monarchie in den Jahren 1872–1874 die Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition, die von dem aus dem Großherzogtum Hessen stammenden Marineoffizier und Polarforscher Carl Weyprecht (1838−1881) und dem aus Böhmen stammenden österreichischen Offizier und Polarforscher Julius von Payer (1841−1915) geleitet wurde. Dabei wurde das Franz-Josef-Land entdeckt. Es wurden Erfahrungen hinsichtlich der Grundprinzipien der Forschung in diesen Gebieten in allen Wissenschaftsbereichen gesammelt. Die Internationale Polarkommission wurde 1879 von Weyprecht zusammen mit dem aus der bayerischen Pfalz stammenden Geophysiker und Polarforscher Georg von Neumayer (1826−1909) auf einer Konferenz in Hamburg gegründet. In Bern wurde 1880 vereinbart, im Rahmen der Polarexpedition acht Polarstationen zu errichten. Russland, Österreich, Norwegen und Dänemark waren dafür verantwortlich. Die Beobachtungen an diesen Stationen dauerten vom 1. August 1882 bis zum 1. September 1883, dem Ersten Internationalen Polarjahr. In dieser Zeit wurden zahlreiche Messungen meteorologischer und magnetischer Größen durchgeführt. Diese Daten bildeten eine gute Grundlage für wichtige wissenschaftliche Untersuchungen. Ein halbes Jahrhundert später (1932/1933) wurde das Zweite Internationale Polarjahr organisiert, um die vielfältigen wissenschaftlichen Fragen zum Funktionieren der Natur in den Polarregionen weiter zu untersuchen. In dieser Zeit trugen sowjetische Meteorologen maßgeblich zum Erfolg dieser Aktion bei. Andere europäische und US-amerikanische Länder leisteten aufgrund finanzieller und politischer Umstände keinen nennenswerten Beitrag.

Dank der Bemühungen der Internationalen Meteorologischen Organisation wurden nach und nach einheitliche Standards in der Meteorologie eingeführt. Diese standardisierten Messdaten werden ausgetauscht, was die Erstellung regelmäßiger täglicher Wettervorhersagen ermöglicht hat. Damit ein solches System funktionieren konnte, wurde erkannt, dass die Staaten es durch ihre Entscheidungen unterstützen mussten. Auf der IMO-Konferenz 1947 in Washington, D. C. wurde die Konvention zur Weltorganisation für Meteorologie (WMO) angenommen und die Organisation zum März 1950 in die WMO überführt. Die WMO wurde 1951 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in ihrer Resolution als Sonderorganisation der Vereinten Nationen anerkannt. Sie hat ihren Hauptsitz in Genf. Erster Präsident der WMO wurde der US-amerikanische Meteorologe Francis Reichelderfer (1895−1983).

Im nächsten Teil der Serie zur Geschichte der Meteorologie wird die Entwicklung der Aerologie im 19. Jahrhundert vorgestellt.

Dipl.-Met. Markus Eifried
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 13.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2026/09/Geschichte-der-Meteorologie-1-1.jpg 500 401 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2026-09-13 12:27:252026-09-15 18:47:15Geschichte der Meteorologie − Teil 17: Etablierung nationaler meteorologischer Institute ab etwa 1800 außerhalb Europas (c) und internationale meteorologische Konferenzen

Wo endet die Atmosphäre, wo beginnt der Weltraum?

12. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

Wenn man vom Weltraum spricht, stellt man sich den luftleeren Raum jenseits der Erdatmosphäre vor, wobei sich die Frage stellt, ab welcher Höhe dieser „luftleere“ Weltraum eigentlich beginnt. Eine scharfe Abgrenzung gibt es tatsächlich nicht, da die Atmosphäre mit zunehmender Höhe einfach immer dünner wird und allmählich in den Weltraum übergeht. Mit zunehmender Höhe nimmt der atmosphärische Druck ab, weil die darüberliegende Luftsäule immer kürzer wird und damit die Masse der darüber befindlichen Luft geringer. Entsprechend sinkt auch die Teilchendichte: In einem bestimmten Volumen befinden sich mit zunehmender Höhe immer weniger Gasmoleküle. Die Atmosphäre wird somit kontinuierlich dünner, ohne an einer bestimmten Höhe abrupt zu enden.

Wie aber definiert man dann, ob der Flug des Testpiloten Rushworth unter die Kategorie der Luft- oder der Raumfahrt fällt? Über Konventionen, welche allerdings, der Natur der Sache gemäß, international nicht eindeutig definiert sind. So gilt Robert Rushworth in den USA aufgrund seines X-15 Testflugs bereits als Astronaut oder Raumfahrer, da er die dort geltenden Grenzhöhe von 50 Meilen (ca. 80,5 km) überstiegen hatte. Stellt man dieselbe Überlegung außerhalb der USA an, so würde Rushworth’ Flug wohl eher der Luftfahrt zugeordnet werden, da seine Flughöhe die international häufiger verwendete Kármán-Linie bei einer Höhe von 100 km über dem Meeresspiegel nicht überschritt. Alan Shepard flog 1961 mit der Freedom 7 auf eine Höhe von etwa 187 km und ist somit international anerkannt ein Astronaut, selbes gilt natürlich eindeutig für den Orbitalflug des Kosmonauten Juri Gagarin, dem ersten Menschen im Weltraum, am 12. April 1961. Wie aber definiert sich die Grenze von 80 beziehungsweise 100 Kilometern über dem Meeresspiegel, und warum ist sie nicht eindeutig?

Wan Hu (oder Tao Chengdao), eine weitgehend legendäre und historisch nicht belegte Persönlichkeit, die während der Ming-Dynastie einen Raketenflug gewagt haben soll und gelegentlich als erster Astronaut der Geschichte bezeichnet wird.

Die Kármán-Linie basiert auf Überlegungen des namensgebenden ungarisch-amerikanischen Physikers und Luftfahrttechnikers Theodore von Kármán. Ein Flugzeug erzeugt mit seinen Tragflächen durch seine Bewegung relativ zur umgebenden Luft einen aerodynamischen Auftrieb. Dafür ist eine ausreichende Luftdichte und eine entsprechend hohe Fluggeschwindigkeit nötig. Da die Dichte der Atmosphäre mit der Höhe jedoch stark abnimmt, benötigt ein hypothetisches Universal-Flugzeug mit eindeutiger mathematischer Beschreibung des geschwindigkeitsabhängigen Auftriebs ab einer Höhe von etwa 100 km Fluggeschwindigkeiten in der Größen- ordnung der sogenannten Orbital- geschwindigkeit von etwa 28.000 km/h. Also eben jene Geschwindigkeit, bei der ein Körper in einem niedrigen, kreisförmigen Orbit „um die Erde fallen“ würde, da die dafür nötige Zentripetalkraft der Gravitationskraft der Erde entspricht. Nur ist das hypothetische Universal-Flugzeug der Realität nicht gewachsen und der geschwindigkeits- und dichteabhängige Auftrieb hängt von einer Vielzahl weiterer Parameter ab, beginnend bei der Tragflächengeometrie – und somit verbleibt auch der konzeptionelle Übergang zum orbitalen Weltraumflug unscharf definiert.

Die Internationale Raumstation ISS umkreist die Erde auf ihrem Orbit in ca. 400 km Höhe somit nicht im quasi-luftleeren Weltraum, sondern tatsächlich noch innerhalb der Atmosphäre, konkret in der Thermosphäre. Auch wenn die hier stark von der Sonnenaktivität abhängige atmosphärische Dichte (die sich vor allem aus atomarem Sauerstoff, Stickstoff, Helium und Wasserstoff zusammensetzt) in der Größenordnung eines Faktors von 100 Milliarden geringer ist als auf Meeresniveau, verliert die ISS durch Kollision mit diesen Teilchen kontinuierlich Orbitalenergie. Dadurch sinkt ihre Umlaufbahn allmählich ab und muss durch regelmäßige sogenannte Reboosts wieder angehoben werden. Die NASA veranschaulicht diesen Sachverhalt mit der Angabe einer orbitalen Lebensdauer von etwa 2 Jahren, also die Zeit in der es ohne Reboosts zu einem Wiedereintritt in die Atmosphäre käme. Die Atmosphäre, welche in diesem Fall per Definition bei 400.000 Fuß beziehungsweise 122 km Höhe beginnt. Klar soweit?

Natürlich haben all diese Definitionen – auch die zuletzt erwähnte sogenannte Wiedereintrittsgrenze – ihre eigene Eleganz und Daseinsberechtigung. Der hier doch sehr vereinfachte Überblick soll nur einen kleinen Einblick geben, dass es interessant sein kann, über die Konventionen und Eigenheiten des Übergangs zwischen Luft- und Weltraum nachzudenken.

Dr. Thorsten Kaluza (Meteorologe)
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 12.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2026/09/Wo-endet-die-Atmosphaere.png 509 483 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2026-09-12 13:17:002026-09-15 18:47:11Wo endet die Atmosphäre, wo beginnt der Weltraum?

Verifikation von Wettermodellen

11. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

Unsere heutigen Wettermodelle sind hochkomplexe Systeme, die auf der Grundlage von riesigen Mengen an aktuellen Messwerten und mithilfe physikalischer Prinzipien, wie beispielsweise der Impuls- oder Masseerhaltung, versuchen möglichst genau zu simulieren, wie sich die Atmosphäre verhält. Doch wie wird eigentlich „gemessen“, wie gut ein Modell wirklich ist?

Die Antwort auf diese Frage liefern die Methoden der Verifikation. Diese vergleichen auf objektive Art die Modellvorhersagedaten mit den in der Realität gemessenen Beobachtungsdaten. Dazu werden sogenannte Gütemaße verwendet, wobei hierbei zwischen kontinuierlichen und kategorischen unterschieden wird. Erstere sind auf Zahlenwerte anwendbar, zweitere auf Ereignisse, die entweder eintreffen oder nicht eintreffen.

Beginnen wir heute mit der kontinuierlichen Art: Ein einfaches Beispiel für ein kontinuierliches Gütemaß ist der mittlere absolute Fehler (MAE – Mean Absolute Error). Hier wird zuerst die Abweichung des gemessenen Werts einer meteorologischen Variablen (z.B. Druck, Temperatur, etc.) zu dem vom Modell vorhergesagten Wert berechnet. Dabei wird vernachlässigt, ob das Modell zu hoch oder zu tief liegt. Danach wird das Mittel über all diese Fehler gebildet und am Ende hat man einen Wert, der die „Richtigkeit“ der Vorhersage beschreibt. Doch eine gewisse Vorsicht mit dem Ergebnis ist geboten. Nehmen wir einmal an, ein Modell läge bei der Temperaturprognose die Hälfte der Zeit genau 0,5 K zu hoch und die andere Hälfte genau so viel darunter. Berechnet man einfach nur das Mittel, wäre dieses Modell dementsprechend perfekt, obwohl das offensichtlich nicht wirklich der Fall ist. Betrachten wir dagegen den MAE, so gäbe dieser einen Wert von 0,5, da das Vorzeichen des Fehlers ignoriert wird. Doch gleichzeitig gehen hier andere wichtige Informationen verloren: Sollte das Modell zu einem Zeitpunkt völlig danebengelegen haben, wird sich das im MAE durch die Mittelung nicht deutlich zeigen. Deshalb gibt es noch zahlreiche andere solcher Gütemaße, die ihre eigenen Schwerpunkte setzen. Der mittlere quadratische Fehler (MSE – Mean Squared Error) lässt beispielsweise eben diese besonders schlechten Vorhersagen stärker ins Gewicht fallen, ist jedoch nicht so intuitiv verständlich wie der MAE. Andere Maße sind der RMSE (Root Mean Squared Error, die Wurzel des MSE) oder auch die Korrelation. Letztere gibt an, wie sich zwei Variablen zueinander verhalten. Eine Korrelation (oder auch ein Korrelationskoeffizient) von -1 bedeutet, dass sie sich exakt linear entgegengesetzt verhalten, 1 bedeutet, dass sie sich linear positiv zueinander verhalten.

Zeitlicher Verlauf der Verifikationsergebnisse der Luftdruckvorhersage deutscher Wettermodelle.

Nun schauen wir uns mithilfe der Grafik an, wie sich die Modelle des Deutschen Wetterdienstes entwickelt haben. Die farbigen Linien zeigen die berechneten Korrelationen für die Vorhersage des Luftdrucks für die nächsten 24 Stunden (dunkelgrün), ansteigend bis hin zur Vorhersage für 168 Stunden (braun). Auf der y-Achse ist dabei die Korrelation aufgetragen und auf der x-Achse die Jahreszahlen.

Was können wir aus dieser Grafik lesen? Einleuchtend ist, dass die Ein-Tages-Vorhersage (dunkelgrün) besser ist, als Vorhersagen für mehrere Tage im Voraus. Auch wenn das Gefühl des ein oder anderen vielleicht etwas Gegenteiliges sagt, wird ersichtlich, dass die Vorhersagequalität insgesamt nach oben geht und somit besser wird. Vergleichen wir die braune (Sieben-Tages-Vorhersage) mit der dunkelgrünen Linie, so können wir festhalten, dass unsere heutige Wochenvorhersage etwa so gut ist, wie eine Ein-Tages-Vorhersage im Jahre 1980. Spannend sind auch die abrupten Sprünge in den Linien. Beispielsweise wurden um 1975 wichtige geostationäre Satelliten in Betrieb genommen. Somit waren kontinuierliche großflächige Daten verfügbar, die in die Modelle einfließen konnten. Die Verbesserungen um 1990 oder auch 2015 hängen mit einem Modellwechsel zusammen. Das Globale Modell (GM) berechnete erstmals die atmosphärische Entwicklung für den gesamten Globus. Somit wurden auch weit entfernte Einflüsse auf Europa und den Nordatlantik berücksichtigt. Der Schritt zum ICON 13 Modell (ICOsahedral Non-hydrostatic model) führte erneut zu einer deutlichen Verbesserung.

Natürlich zeigt diese Grafik lediglich ein Gütemaß für einen einzigen Parameter, trotzdem ist die positive Entwicklung eindeutig. In der Meteorologie gibt es jedoch nicht nur Vorhersagen für Zahlenwerte, sondern auch „Ja-Nein-Vorhersagen“. Beispielsweise „regnet es hier heute?“ oder „gibt es heute einen Sommertag?“. Hierfür werden kategorische Methoden verwendet, doch diese würden den Rahmen dieses Thema des Tages sprengen und werden bei anderer Gelegenheit genauer betrachtet.

M.Sc Met. Meteorologe Fabian Chow
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 11.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2026/09/Verifikation-von-Wettermodellen.png 711 1106 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2026-09-11 16:56:002026-09-15 18:47:10Verifikation von Wettermodellen

Stark- und Dauerregen von Mittelitalien bis nach Österreich

10. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

Während in Deutschland, wie gestern schon im Thema des Tages gesagt, sehr verbreitet ruhiges Spätsommerwetter vorherrscht, sieht das Wetter von Mittelitalien bis nach Österreich überhaupt nicht nach Sommer aus. Dort fällt aktuell kräftiger Regen, und diese Regenfälle sollen auch noch bis weit in den morgigen Freitag anhalten.

Eingesetzt haben die Niederschläge dabei schon am gestrigen Mittwoch. Bis zum heutigen Donnerstagmorgen um 08 MESZ meldeten einzelne Stationen in den betroffenen Regionen schon 24-stündige Regensummen von über 50 l/m2, so beispielsweise auch die slowenische Hauptstadt Ljubljana mit 55 l/m2. Getriggert werden die Starkniederschläge einerseits von einem mehrkernigen und etwas diffusen Tiefdrucksumpf, der sich vom westlichen Mittelmeer bis zum Balkan und in den Ostalpenraum erstreckt. Andererseits zieht ein Höhentief von Frankreich kommend über Oberitalien und Österreich in Richtung Polen.

Geopotential in 500 hPa (ca. 5,5 km Höhe, Linien) sowie Vertikalbewegung (flächig) für Donnerstag, 10.09.2026, 18 UTC (20 MESZ)

Die Abbildung 1 zeigt das Geopotential, also salopp gesagt die Druckverteilung in 500 hPa (etwa 5,5 km Höhe), am heutigen Donnerstagabend um 20 MESZ. Das Höhentief soll sich zu diesem Zeitpunkt etwa im Bereich von Turin befinden, auf seiner Ostflanke bzw. der Vorderseite stellt sich, wie durch die blauen Pfeile angedeutet, eine südwestliche Höhenströmung ein. Ebenfalls in Abbildung 1 erkennbar sind rot markierte Flächen, die die Regionen mit der stärksten Vertikalbewegen darstellen. Es ist deutlich zu erkennen, dass diese Gebiete von Mittelitalien, mit Schwerpunkten u.a. in der Region um Rom sowie östlich an die nördliche Adria anschließend, bis in den Süden Österreichs hineinreichen.

Dass in dieser Region einiges an Wolken unterwegs ist, verdeutlicht der Blick auf die linke Seite der Abbildung 2. Über dem Tyrrhenischen Meer war dabei heute Vormittag um 11 MESZ ebenso eine Superzelle unterwegs wie in der Region Rom (dort hatten auch die Hebungsfelder der Abbildung 1 ein deutliches Maximum) und in der Poebene östlich von Mailand. Dies erkennt man unter anderem am hohen Eisanteil in den Wolken, die dadurch etwas ausgefranst bzw. faserig wirken. Viele Wolken zeigen sich auch von der nördlichen Adria bis nach Österreich hinein, und dort insbesondere nach Kärnten und in die Steiermark.

Satellitenbild (High Resolution Visible, links) sowie Radarreflektivität und Blitze (rechts) am Donnerstag, 10.09.2026, 09 UTC (11 MESZ)

Auf die letztgenannten Regionen fokussiert sich der rechte Teil der Abbildung 2 (ebenfalls um 11 MESZ). Die gemessenen Radarreflektivitäten sind dabei als Fläche dargestellt, dazu kommt die Blitzaktivität (rote, gelbe und grüne Kreuze). Die Blitzrate ist dabei an der kroatischen Küste zum dargestellten Zeitpunkt besonders hoch, schwächer fällt sie im Bereich der Ostalpen bzw. des östlichen und südöstlichen Alpenrandes aus. Dass der südöstliche Alpenrand dennoch, zumindest bezüglich des Niederschlages, das Hauptaugenmerk verdient, lässt sich wiederum aus der Abbildung 1 ableiten. Denn die dort angedeutete südwestliche Strömung auf der Vorderseite des Höhentiefs findet sich, in ähnlicher Form, auch in tieferen Luftschichten. Natürlich hat dies Stauniederschläge zur Folge, und diese fallen insbesondere in Slowenien und Italien besonders stark aus.

Akkumulierter Niederschlag von Donnerstag, 10.09.2026, 00 UTC (02 MESZ) bis Freitag, 11.09.2026, 18 UTC (20 MESZ); links: ICON-EU, rechts: IFS

Die Abbildung 3 zeigt die akkumulierten Niederschläge der Modelle ICON (in diesem Fall ICON-EU, links) sowie des Modells IFS des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen (rechts). Bei beiden Modellläufe handelt es sich um die 00 UTC-Läufe, die dargestellten Regensummen beziehen sich also auf das Zeitfenster von 02 MESZ in der zurückliegenden Nacht bis um 20 MESZ am morgigen Freitag. Das Modell IFS bringt es in der Spitze in Slowenien dabei auf 228 l/m2, ICON-EU im Dreiländereck Italien-Österreich-Slowenien dagegen „nur“ auf 183 l/m2. Bedenkt man, dass, wie oben erwähnt, in der Region ja auch schon einiges an Regen gefallen ist, so sind zumindest regional 200 bis 250 l/m2 über das gesamte Ereignis durchaus im Bereich des Möglichen. Ganz vereinzelt kann auch noch etwas mehr zusammenkommen. Genau wissen wird man das aber erst, wenn der Regen abgeklungen ist.

Dipl.-Met. Martin Jonas
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 10.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

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Tschüss Hochsommer, hallo Spätsommer und Frühherbst

9. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

Nachdem wir in den letzten beiden Themen des Tages einen ausführlichen Blick in die Vergangenheit unserer Disziplin wagten, wollen wir uns heute wieder dem meteorologischen Tagesgeschäft widmen und in die Gegenwart hüpfen – die Betrachtung der aktuellen Wettervorgänge lohnt sich nämlich durchaus.

Der gestrige Dienstag war hinsichtlich der gemessenen Temperaturen ein weiterer bemerkenswerter Tag in diesem außergewöhnlichen Sommer. Am Rande von Tiefdruckzone WEGA über Nordosteuropa und mit Hilfe des kleinen Tiefs XENIA über dem Westen des Kontinents wurde nochmals eine heiße Luftmasse aus dem westlichen Mittelmeerraum nach Mitteleuropa geführt. Dadurch erreichte die gemessene Lufttemperatur (2 m) in vielen Regionen des Südens und der Mitte mehr als 30 Grad Celsius. Besonders heiß war es vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, die Spitzenposition konnte sich schließlich die Station Ohlsbach im Oberrheingraben mit einem Tagesmaximum von 34,5 Grad sichern. Kapp westlich der dortigen Landesgrenze war es in Straßburg (FRA) mit 35,1 Grad sogar noch etwas heißer. Setzt man die gemessenen Höchstwerte in einen klimatologischen Kontext, erkennt man, dass der gestrige Tag durchaus bemerkenswert ist. An vielen Wetterstationen im Süden der Bundesrepublik war es in einem September seit dem jeweiligen Messbeginn noch nie so warm. Der bundesweite Septemberrekord mit 36,5 Grad in Jena aus dem Jahr 1911 bzw. Bühlertal 1947 war aber etwas außer Reichweite.

Damit setzte der verlängerte Hochsommer 2026 gestern einen markanten Schlusspunkt. Das kleine, von Westeuropa zum Baltikum gezogene Tief XENIA, hat aber zwei Seiten aufzubieten. Hinter der von diesem Tief gesteuerten Kaltfront strömt nun deutlich kühlere Meeresluft vom Nordostatlantik nach Deutschland. Wie markant dieser Luftmassewechsel besonders im Süden ist, zeigt der heutige Temperaturabschlag im Vergleich zum Vortag: an manchen Messstellen im Süden können die Höchstwerte um bis zu 15 Grad tiefer sein als noch am Dienstag – ein veritabler Temperaturabsturz. Dazu trägt auch die an den Alpen befindliche Kaltfront bei, die im Südosten bis in den Abend zu schauerartig verstärktem Regen führt. In der Nacht zum Donnerstag taucht dann auch die Schneefallgrenze wieder in unseren Berichten auf: In den Alpen kann es bis auf 2400 m schneien. Solche „Wintereinbrüche“ sind in diesen Höhen im September aber nichts Außergewöhnliches, sie waren in der Vergangenheit sogar oft noch deutlich stärker ausgeprägt. Ansonsten stellt sich am heutigen Mittwoch ein typischer frühherbstlicher Tag ein mit aufkommenden Schauern im Nordwesten und Norden und teils stark böigem Wind, zwischen Niederrhein und Elbe sowie an den Küsten ist auch die eine oder andere starke Böe dabei. Die Höchstwerte reichen von knapp unter 20 bis etwas über 20 Grad.

Vorhersagekarte für Samstag, 12.09.2026

Doch müssen wir uns nun mit einer frühherbstlichen, wechselhaften Witterung von heute für längere Zeit arrangieren? Der Blick auf die Bodenwetterkarte der kommenden Tage beantwortet diese Frage eindeutig mit nein. Bereits am Donnerstag baut sich von Westen her ein Hochdruckgebiet über Mitteleuropa auf. Dieses wird zwar am Freitag im Nordwesten durch eine atlantische Front etwas gestört, allerdings kann sich der Hochdruck am Samstag wieder regenerieren. Die Luftmasse erwärmt sich dabei etwas, sodass bereits am Freitag in den meisten Regionen wieder mehr als 20 Grad gemessen werden, am Samstag sind es entlang des Oberrheins, der Pfalz und im Rhein-Main-Gebiet sogar mehr als 25 Grad. Definitionsgemäß handelt es sich damit dort um einen Sommertag – man kann die Tage also durchaus auch noch als Spätsommer bezeichnen. Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass es besonders in der Südhälfte sowie im Osten erneut viele trockene Tage geben wird. Etwas außen vor ist hingegen der von atlantischen Tiefausläufern geprägte Nordwesten.

Mag.rer.nat. Florian Bilgeri
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 09.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2026/09/Tschuess-Hochsommer-hallo-Spaetsommer-und-Fruehherbst.png 653 800 WINDINFO https://www.windinfo.eu/wp-content/uploads/2019/07/windinfo_logo_eu-300x212.png WINDINFO2026-09-09 15:45:472026-09-15 18:46:59Tschüss Hochsommer, hallo Spätsommer und Frühherbst

Geschichte der Meteorologie – Teil 16: Etablierung nationaler meteorologischer Institute ab etwa 1800 außerhalb Europas (b)

8. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

In diesem Teilbereich der Geschichte zur Meteorologie zur Etablierung nationaler meteorologischer Institute konzentrieren wir uns auf die Entwicklung in Amerika.

In Kanada wurden meteorologische Messungen im 18. Jahrhundert durch die Hudson’s Bay Company und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusätzlich durch Privatpersonen sowie Entdecker durchgeführt. Die Messungen waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Dem britischen Mathematiker und Astronomen William Wales (um 1734–1798) werden dabei die ersten meteorologischen Aufzeichnungen in Kanada zugeschrieben, er führte diese vor und während einer Astronomie-Expedition 1768 bis 1769 bei Churchill an der Küste der Hudson Bay im Winter durch. Erst als die britische Kolonialregierung 1840 in Toronto ein magnetisches und meteorologisches Observatorium einrichtete, begannen die meteorologischen Beobachtungen auf einer Grundlage, die Kontinuität und wissenschaftliche Präzision versprach. Erster Leiter wurde der britische Leutnant Charles James Buchanan Riddell (1817–1903). 1853 erfolgte die Übernahme des Observatoriums durch die Kolonialregierung der Provinz Kanada, 1867 durch die des Dominions of Canada. 1871 wurde der erste meteorologische Dienst Kanadas durch den damaligen Leiter des Observatoriums, dem kanadischen Meteorologen George Kingston (1816–1886) gegründet. Durch die Einbindung ehrenamtlicher Beobachter baute Kingston ein meteorologisches Messnetz aus etwa 700 Beobachtungsstationen auf, von denen einige im hohen Norden lagen. Mithilfe dieses Messnetzes wurde Kingston 1876 die Veröffentlichung von Wettervorhersagen ermöglicht. Im Oktober 1876 wurden die Wettervorhersagen erstmals in den Abendzeitungen von Toronto abgedruckt. Spezielle Warnungen vor erwarteten Stürmen wurden per Telegramm an die Vertreter in mehr als 100 Häfen übermittelt, damit Sturmsignale ausgehängt werden konnten. Bei erwarteten Schneestürmen wurden spezielle Meldungen per Telegramm an die Eisenbahnen gesendet. Vorhersagen wurden zudem von Funkstationen ausgestrahlt, um Schiffe auf See zu informieren. 1877 wurde der meteorologische Dienst dem Marine- und Fischereiministerium unterstellt, 1936 dem Verkehrsministerium.

Erste meteorologische Messungen lassen sich im Bereich der Vereinigten Staaten von Amerika auf 1738 datieren, damals noch zu britischen Kolonialzeiten. Der britische Arzt und Naturwissenschaftler John Lining (1708–1760) zeichnete in Charleston (South Carolina) von Januar 1738 bis Februar 1753 Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Niederschläge auf. Sein Interesse am Einfluss meteorologischer Phänomene auf die Ausbreitung von Krankheiten gab den Anstoß zur Entwicklung der Meteorologie im Bereich der heutigen Vereinigten Staaten. Ein weiterer Impuls ging von den Wanderungsbewegungen in der Neuen Welt in Richtung Westen und Süden aus, wo neue klimatische Bedingungen herrschten. Die Einrichtung eines meteorologischen Systems in den USA ist mit dem Namen Joseph Lovell (1788–1836) verbunden, ein Mediziner aus Massachusetts, der von 1818 bis 1836 General der Armee war. Ab 1819 begannen an vielen Militärstandorten Beobachtungen. Diese Daten wurden 1840 zusammengetragen und von dem US-amerikanischen Meteorologen James Pollard Espy (1785–1860) ausgewertet. An der Universität New York wurden ab 1825 Temperatur- und Niederschlagsmessungen organisiert, die bis 1850 durchgeführt wurden. Zwischen 1837 und 1845 baute das Franklin Institute in Pennsylvania ein Messnetz auf. Seit ihrer Gründung 1846 hat die Smithsonian Institution, eine vielseitige wissenschaftliche Einrichtung, Interesse an der Meteorologie gezeigt. Die Smithsonian Institution strebte die Einrichtung „eines umfassenden Systems meteorologischer Beobachtungen mit dem Ziel an, das Problem der amerikanischen Stürme zu lösen“. Der Sekretär des Instituts, der US-amerikanische Physiker Joseph Henry (1797–1878), gewann bis Ende 1849 rund 150 interessierte Freiwillige für die Beteiligung an einem Beobachtungssystem. Sie erhielten Instrumente, Standardbarometer und Thermometer, die in London und Paris gekauft worden waren nebst deren Anleitungen. Auf diese Weise wurden zahlreiche Daten gesammelt. Die Smithsonian Institution hat seinerzeit die Strahlungsforschung maßgeblich unterstützt. Damit leistete die Smithsonian Institution einen enormen Beitrag zur Entwicklung der US-amerikanischen Meteorologie. Die US-Regierung richtete innerhalb der Armee eine weitere Organisation namens „Signal Service“ ein. Anfang 1870 wurden alle meteorologischen Aufgaben in den USA an den „Reporting Service“ übertragen, der sich hauptsächlich mit synoptischer Meteorologie befasste. Letzter spielte eine bedeutende Rolle im amerikanischen Sezessionskrieg. Der US-amerikanische Chirurg und Offizier Albert James Myer (1828–1880) erkannte die Bedeutung eines Wetterdienstes auch in Friedenszeiten. Myer legte den Grundstein für eine US-amerikanische Wetterbehörde, die 1870 als Einrichtung des Militärs gegründet wurde. Zum ersten Direktor wurde Myer bestellt. Aufbauend auf Myers innovativen Ideen erstellte die Behörde erste Wetterkarten, sprach Hurrikanwarnungen aus und setzte Drachen zur Wetterbeobachtung ein. Das Netz der Messstationen wuchs rasch. Zum besseren Verständnis für die Sturmentwicklung wurden auch Messstationen an exponierten Orten in Gebirgen errichtet, so 1870 in 1619 Meter Höhe auf dem Mount Washington in New Hampshire und 1873 in 4311 Meter Höhe auf dem Pikes Peak in Colorado. Im Jahr 1904 gab es 200 Stationen mit bezahlten Beobachtern und 3.700 mit ehrenamtlichen Beobachtern, die Temperatur, Niederschlag und Wetterphänomene maßen. 1891 wurde die Wetterbehörde als United States Weather Bureau ins Landwirtschaftsministerium überführt.

Observatorium auf dem Pikes Peak, 1865, Quelle: Library of Congress, Washington, D.C. über Wikimedia Commons

In Alaska, damals als Russisch-Amerika Teil des Zarenreiches, begannen erste meteorologische Messungen 1827 durch Forscher und Entdecker der Russisch-Amerikanischen Kompagnie. Regelmäßige Wetterbeobachtungen starteten 1832. 1842 wurde ein Observatorium in Sitka in Betrieb genommen, welches die Wetteraufzeichnungen übernahm und an dem zusätzlich geomagnetische Beobachtungen durchgeführt wurden. In Iliuliuk (Unalaska) auf den Alëuten und Ikogmiut (Iqugmiut, Russian Mission) am Unterlauf des Yukon wurden an Handels- und Missionsstationen der russischen Orthodoxie weitere Wetterstationen eingerichtet. Nach dem Verkauf von Alaska (Alaska Purchase) 1867 übernahm das US-Militär die Aufzeichnungen der Wetterdaten. Zum Internationalen Polarjahr 1882/1883 wurde das Wetter auch an abgelegenen Orten wie Utqiaġvik (Point Barrow) aufgezeichnet. Um 1900 erfolgte der Aufbau eines Messnetzes, so begannen in Skagway 1898, in Kotzebue 1902 und in Fairbanks 1904 regelmäßige Wetterbeobachtungen. 1916 wurde das Observatorium Sitka verlegt.

Russisches Observatorium Sitka, Zeichnung von Frederick Whymper (1838-1901), Quelle: Wendler, G., Galloway, K. & Stuefer, M. On the climate change of Sitka, Southeast Alaska, Theoretical and Applied Climatology, Volume 126, pages 27-34 (2016), über Springer Nature mit Open Access unter Creative Commons Licence

Auf Puerto Rico begannen erste meteorologische Messungen in San Juan 1898 während der Annexion im Spanisch-Amerikanischen Krieg. 1899 richtete das US-Militär die erste permanente Wetterstation in San Juan ein mit regelmäßigen Wetterbeobachtungen. 1935 wurde ein regionales Vorhersagezentrum für Hurrikane etabliert.

In Mexiko wurden zwischen 1775 und 1786 erste meteorologische Beobachtungen durch den mexikanischen Buchdrucker und Amateurastronom Felipe de Zúñiga y Ontiveros (1717–1793) in Mexico City aufgezeichnet. Er hielt Niederschläge, Temperaturwerte, Gewitter mit Hagelereignissen und den Wind fest. Aus den Aufzeichnungen ergeben sich zwei Dürreperioden 1780/81 und 1785/86 sowie eine feuchtere Periode 1782/83. Eine erste meteorologische und astronomische Beobachtungsstelle wurde 1877 auf dem Dach des Nationalpalastes eingerichtet. 1878 zog diese auf die Burg von Chapultepec um. 1880 wurde die Finanzierung von der Regierung übernommen. Unter dem ersten Direktor, dem mexikanischen Botaniker und Ingenieur Mariano de la Bárcena (1842–1899), waren sechs Beobachter beschäftigt. Die Gründung des nationalen Wetterdienstes erfolgte 1901. Zu diesem Zeitpunkt gab es 31 staatliche Wetterabteilungen und 18 unabhängige Observatorien und Wetterstationen. Anfang der 1940er Jahre wurde der nationale Wetterdienst dem neu gegründeten Ministerium für Wasserressourcen zugeordnet.

Der spanische Priester und Meteorologe Benito Viñes (1837–1893) wurde 1869 von den Jesuiten zum Direktor des Observatoriums der religiösen Schule Colegio de Belén in Havanna in Kuba bestellt. Nach seiner Ankunft auf der Insel 1870 studierte er die meteorologischen Aufzeichnungen der Wetterstation Belén in Havanna, die seit deren Gründung 1854 vorlagen. Sein Interesse galt dabei tropischen Wirbelstürmen. Er untersuchte zwei Hurrikane, die 1870 Kuba trafen. Er baute das erste meteorologische Beobachtungsnetzwerk in Kuba auf und erstellte ab 1875 einige der ersten Vorhersagen zu Hurrikanen. Im Zeitraum von 1899, dem Beginn der US-Intervention auf Kuba, 1902, als Kuba zur Republik erklärt wurde, errichtete die US-Wetterbehörde eine Hilfswetterstation auf dem Hügel Casablanca in Havanna. 1899 wurde das ein Jahr zuvor in Kingston auf Jamaika gegründete Vorhersagezentrum für Hurrikane nach Havanna verlegt. 1908 wurde das kubanische Staatsobservatorium eingeweiht, an welchem die Wetterbeobachtungen auf Kuba koordiniert wurden.

Fotoportrait von Benito Viñes, erstellt 2009, Quelle: David Montermoso über Wikimedia Commons

In Venezuela führte zwischen 1799 und 1804 der preußische Naturforscher, Physiker und Geograph Alexander von Humboldt (1769–1859) erste Messungen von Luftdruck, Temperatur und Feuchte sowohl in Cumaná an der Karibikküste als auch in Caracas durch (siehe Teil 12 der Serie Geschichte der Meteorologie). Systematische Wetterbeobachtungen starteten in Caracas 1868 durch den venezolanischen Ingenieur und Pädagogen Agustín Aveledo (1837–1926). 1888 wurde das Observatorio Astronómico Meteorológico de Caracas (Observatorio Naval Cagigal) gegründet, an welchem die meteorologischen Beobachtungen koordiniert wurden. Erster Direktor wurde der aus dem Piemont stammende Astronom und Meteorologe Maurizio Buscalioni (1856–1914).

Erste Wetterbeobachtungen in Kolumbien (damals Vizekönigreich Neugranada) führte ab 1807 der Jurist, Botaniker und Amateurastronom Francisco José de Caldas (1768–1816) aus dem Vizekönigreich Neugranada am neu eröffneten Astronomischen Observatorium Bogotá durch (siehe Teil 12 der Serie Geschichte der Meteorologie). 1868 übernahm die 1867 gegründete Nationaluniversität von Kolumbien die Funktion der systematischen Messungen und startete mit der wissenschaftlichen Ausbildung in Astronomie und Meteorologie an der dortigen Naturwissenschaftlichen Schule „Escuela de Ciencas Naturales“. Erster Leiter dieser Schule wurde der kolumbianische Astronom José María González Benito (1843–1903).

Die spanische Einrichtung „Cosmografiato“ im damaligen Vizekönigreich Peru war zuständig für die Beobachtung von Himmels- und Klimaphänomenen. Zwischen 1753 und 1856 führte sie klimatologische Aufzeichnungen durch, so liegen z. B. die jährlichen Höchst- und Tiefstwerte von Temperatur und Luftdruck aus der Region vor. 1892 begannen am Arequipa Observatorium für Astronomie systematische meteorologische Beobachtungen unter der Leitung des US-amerikanischen Astronomen William Henry Pickering (1858–1938).

Erste meteorologische Messungen fanden in Brasilien in Rio de Janeiro statt. Der portugiesische Astronom und Geograph Bento Sanches Dorta (1739–1794) zeichnete zwischen 1781 und 1788 Temperatur, Luftdruck, Niederschlag und Windverhältnisse auf. 1827 wurde die Kaiserliche Sternwarte von Rio de Janeiro gegründet, mit der wissenschaftliche Verfahren in Brasilien starteten. Erste meteorologische Beobachtungen dort tauchen ab 1844 in den Archiven auf. Seit 1862 führten hydrographische Schiffe in Diensten der brasilianischen Marine regelmäßige meteorologische Beobachtungen durch. Zwischen 1874 und 1880 wurden auch in anderen Landesteilen meteorologische Beobachtungen durchgeführt, die einen ersten klimatologischen Überblick von Brasilien zuließen. Mit der Gründung der meteorologischen Abteilung der Geographischen und Geologischen Kommission begann ab 1886 der Aufbau eines Netzes an Wetterstationen im gesamten Bundesstaat, welches 1900 etwa 40 Messstellen umfasste. 1909 wurde das Nationalinstitut für Meteorologie (Directoria de Meteorologia e Astronomia) gegründet und dem Ministerium für Landwirtschaft, Industrie und Handel unterstellt. Erster Direktor wurde der französisch-brasilianische Ingenieur, Astronom und Geograph Henrique Charles Morize (1860–1930).

In Argentinien begannen erste systematische Wetteraufzeichnungen zwischen 1801 und 1805 in Buenos Aires. 1853 wurde in Buenos Aires die erste Wetterstation eingerichtet, 1856 folgte in Tucumán im Norden des Landes und 1860 in Bahia Blanca die nächsten beiden. 1872 erfolgte die Gründung des meteorologischen Dienstes (Oficina Meteorológica Argentina) in Córdoba als erstem in Südamerika. Der meteorologische Dienst wurde dem Ministerium für Justiz, Kultus und öffentliche Bildung zugeordnet. Erster Direktor wurde der US-amerikanische Astronom Benjamin Apthorp Gould (1824–1896). 1873 wurde ein nationales Messnetz etabliert. 1874 erfolgten erste Messungen der Solarstrahlung in Córdoba. 1875 fand ein erster meteorologischer Datenaustausch mit dem Nachbarland Chile statt. 1898 wurde der meteorologische Dienst in das Landwirtschaftsministerium umgegliedert. 1904 begannen meteorologischen Aufzeichnungen an der Orcadas-Station (Base Orcadas) auf den Südlichen Orkney-Inseln, was die längste Aufzeichnungsreihe in Antarktika bedeutet. Diese Station wurde von den Briten 1903 errichtet und 1904 an Argentinien übergeben. Erster Stationsleiter war der britische Meteorologe Robert Mossman (1870–1940).

In Chile fanden 1849 erste meteorologische Aufzeichnungen durch eine US-amerikanische Astronomie-Expedition statt. Diese errichtete eine Sternwarte auf dem Hügel Santa Lucía in Santiago, 1851 folgte dort eine Wetterstation. Ab 1852 wurden an dieser permanente meteorologische Messungen durchgeführt. Zur selben Zeit begannen dort auch andere Wissenschaftler, sich für meteorologische Beobachtungen zu interessieren, unter anderem der polnische Geologe und Mineraloge Ignacy Domeyko oder Ignacio Domeyko (1802–1889), der zu der Zeit eine Professur für Chemie und Mineralogie am Colegio de Coquimbo in La Serena innehatte. 1856 verknüpfte der chilenische Ingenieur Paulino del Barrio (1832–1857) meteorologische Beobachtungen verschiedener Städte zu einem Vorläufer eines Messnetzes. 1857 folgte die Verlagerung des Observatoriums auf Santa Lucía in die Quinta Normal außerhalb von Santiago. Aufgrund eines Erlasses zur Durchführung meteorologischer Beobachtungen durch Physiklehrer der höheren Provinzgymnasien samt Übermittlung der Daten an die Fakultät für Mathematik und Physik der Universität von Chile 1864 wurde ein meteorologisches Netzwerk eingerichtet. Domeyko, 1867 zum Rektor der Universität Santiago gewählt, ließ dieses meteorologische Netzwerk ausbauen. 1868 erfolgte die Einrichtung einer meteorologischen Dienststelle an ebendieser Fakultät, die im selben Jahr zum zentralen Wetteramt aufgewertet wurde. Erster Direktor wurde der chilenische Politiker und Pädagoge José Ignacio Vergara (1837–1889). Regelmäßige Daten gingen anfangs nur aus Copiapó im Norden des Landes, Talca, Puerto Montt und Valparaíso ein. 1869 wurde das Messnetz erweitert. Der Erlass zur täglichen Übermittlung von Wetterdaten per Telegraph an die Wetterstation Santiago 1884 gilt als heutiges Gründungsdatum des meteorologischen Dienstes in Chile.

Ignacy Domeyko, 1888, Quelle: Algimantas Grigelis, Leonora Živile Gelumbauskaite: Last journey to motherland of great explorer of Andean geology, The Lithuanian Academy of Sciences, Vilnius, über Wikimedia Commons

Im nächsten Teil der Serie zur Geschichte der Meteorologie folgt eine Übersicht die Institutionalisierung der Meteorologie in ausgewählten Ländern Afrikas sowie eine Übersicht über die internationale meteorologische Zusammenarbeit über Konferenzen, Polarkommission bis hin zur Gründung der Weltorganisation für Meteorologie.

Dipl.-Met. Markus Eifried
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 08.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

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Geschichte der Meteorologie − Teil 15: Etablierung nationaler meteorologischer Institute ab etwa 1800 außerhalb Europas (a)

7. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

Im letzten Thema des Tages zur Geschichte der Meteorologie wurde die Gründung und Etablierung nationaler meteorologischer Institute, die als Vorläufer nationaler Wetterdienste gelten, im europäischen Raum beleuchtet. In diesem Beitrag folgen ausgewählte Länder im asiatischen und pazifischen Raum.

Mit Ausnahme von Jerusalem begannen systematische meteorologische Messungen in Vorderasien im Vergleich zu anderen Regionen Asiens relativ spät. Im damals zum Osmanischen Reich gehörenden Jerusalem starteten 1846 systematische Niederschlagsmessungen, ab 1865 liegen Temperaturmessungen vor. Militärstationen erweiterten im Osmanischen Reich meteorologische Messungen, so ab 1915 in Beirut und ab 1918 in Bagdad. Die erste Wetterstation im Oman auf der Arabischen Halbinsel wurde in Maskat 1893 eröffnet. Im Iran wurde 1919 wissenschaftliche Meteorologie an der landwirtschaftlichen Barzegaran-Schule in Karadsch nahe Teheran gelehrt, dort 1928 ein meteorologisches Büro eingerichtet und 1929 erste systematische Beobachtungen getätigt. In Zentralasien (dem russischen Generalgouvernement Turkestan) begannen systematische Messungen 1879 in Almaty (heute Kasachstan).

Indien war lange Zeit Teil des Britischen Weltreiches. Die Britische Ostindien-Kompanie errichtete astronomische Observatorien, das erste 1792 in Madras (Chennai). Dort wurden zwischen 1793 und 1796 regelmäßig meteorologische Messungen durchgeführt, die als die ersten meteorologischen Messungen im modernen Indien gelten. Neben der Ostindien-Kompanie errichteten auch der Maharadscha von Travancore 1842 ein Observatorium. In den Provinzen wurden im 19. Jahrhundert kleinere Messstationen aufgebaut, die vorwiegend Niederschläge, aber auch andere meteorologische Parameter aufzeichneten. Auch im gebildeten Bürgertum gab es durch Professoren, Geographen, Mediziner, Armeeoffiziere, Seeleute und sogar christlichen Missionaren meteorologische Aufzeichnungen. Der britische Gelehrte, Orientalist und Numismatiker James Prinsep (1799−1840) führte zwischen 1824 und 1826 systematische Wetteraufzeichnungen in Benares (Varanasi) durch und organisierte nachfolgend zeitgleiche Aufzeichnungen in Benares, Kalkutta (Kolkata), Madras und anderen Orten. Er untersuchte auch den Luftdruck über Indien. Der britische Schiffskapitän Henry Piddington (1797−1858) untersuchte als Vorsitzender der Marine-Untersuchungsgerichte in Kalkutta anhand von Schiffsschäden, Schiffslogbüchern und Aufzeichnungen verschiedener Stürme deren Struktur. Er stellte fest, dass Stürme ein ruhiges Zentrum hatten und dass die Winde um dieses Zentrum herum auf der Nordhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn und auf der Südhalbkugel im Uhrzeigersinn wehten. In seinem Werk „The Horn-Book for the Law of Storms for the Indian and China Seas“ führte er 1848 den Begriff „Zyklon“ ein, der sich vom griechischen Wort κύκλος (kyklos, was „Kreis“ oder „Ring“ bedeutet) ableitet und auf der spiralförmigen Natur der Winde basiert. 1852 wurde dem Verantwortlichen der Großen Trigonometrischen Vermessung Indiens, dem indischen Mathematiker Radhanath Sikdar (1813−1870), als erstem Inder die Leitung des astronomischen Observatoriums Kalkutta übertragen. Er veranlasste dort stündliche meteorologische Beobachtungen und die Reduktion des Luftdrucks. Ihm gelang per Triangulation auch die erste Höhenbestimmung von Peak XV im Himalaya und er stellte fest, dass dieser wahrscheinlich der höchste Berg der Welt sei (später genannt Mount Everest).

Radhanath Sikdar, Quelle: The Modern Review, 1941, Kalkutta, über Wikimedia Commons

Der britische Paläontologe und Meteorologe Henry Francis Blanford (1834−1893) untersuchte die Auswirkungen eines Zyklons, der 1864 Ostindien traf und 70.000 Opfer forderte. Er wurde zum 1867 zum meteorologischen Berichterstatter der Provinz Bengalen bestellt. 1874 wurden alle meteorologischen Beobachtungen der mittlerweile 80 Observatorien und der Messstationen der verschiedenen Provinzen unter dem Dach des India Meteorological Departments (IMD) in Kalkutta organisiert. Erster kaiserlicher meteorologischer Berichterstatter wurde 1875 Blanford. Er führte einheitliche Messstandards in allen Beobachtungsstationen ein und errichtete 1877 ein zentrales Observatorium in Alipore in Kalkutta. Das IMD verlegte sein Hauptquartier 1905 nach Shimla, einem kühleren Ort in Nordindien auf 2100 m Höhe, 1928 nach Poona (Pune) und schließlich 1944 nach Neu-Delhi.

In China wurden viele meteorologische Instrumente entwickelt und Niederschlagsmessungen über Bambusrohre reichen weit zurück. Erste Temperatur- und Windmessungen wurden Ende des 17. Jahrhunderts während einer Expeditionsreise durch Cuninghame durchgeführt (siehe Teil 8 der Serie zur Geschichte der Meteorologie). Von 1757 bis 1762 maß der französische Jesuitenmissionar, Astronom, Sinologe und Historiker Joseph-Marie Amiot (1718−1793) in Peking zweimal täglich Luftdruck, Bewölkung, Luftfeuchtigkeit und Windrichtung und hielt das Auftreten von Sturmereignissen fest. Eine kurze Beobachtungsreihe in Peking (von Dezember 1830 bis Juni 1831) wurde von dem russischen Astronomen Georg Albert Fuss (1806−1854) durchgeführt, der 1830 die russische Gesandtschaft in Peking begleitete. Ab dem 1. Januar 1841 führte diese Mission regelmäßige Messungen durch. Ab 1849 wurden in der mit Zustimmung der russischen Mission errichteten Sternwarte in Peking bis 1883 magnetische und meteorologische Messungen durchgeführt. Im Jahr 1873 errichteten die Jesuiten eine meteorologische Beobachtungsstation in der Nähe von Shanghai. Der chinesische Zolldienst beteiligte sich am Aufbau eines Netzwerks von Wetterstationen im Tal des Jangtsekiangs. Von der Station Wuhu in Anhui liegen ab 1880 meteorologische Messungen vor. Der Schweizer Jesuitenpriester und Meteorologe Marc Dechevrens (1845−1923) wurde 1875 Leiter des Observatoriums Zikawei (heute Xujiahui in Shanghai). Sein Interesse galt Taifunen. 1879 tangierte ein Taifun Shanghai, den Dechevrens aus Stationsmeldungen und Schiffslogbüchern analysierte. Er erkannte daraus die spiralförmige Struktur und das Auge des Wirbelsturms. Er baute ein Küstenstationsnetz auf, das unter britische Verwaltung geriet, mit deren Meldungen er Taifune prognostizierte. Er publizierte jährlich eine Zusammenfassung über aufgetretene Taifune im Ostchinesischen Meer. 1882 gab Dechevrens die erste Taifunwarnung für die chinesische Küste heraus. Neben den Jesuiten betrieben vor allem ausländische Kräfte meteorologische Messungen. Das Deutsche Kaiserreich gründete 1898 ein meteorologisches Observatorium in Tsingtau (Qingdao), welches die deutsche Marine betrieb. Einzelne Persönlichkeiten aus Industrie und Landwirtschaft, die den Nutzen von meteorologischen Erkenntnissen erkannten, trieben die Meteorologie Chinas voran. Der chinesische Industrielle Zhang Jiao (1853−1926) richtete so 1905 eine Wetterstation in Junshan in Nantong nördlich von Shanghai ein, die ab 1918 ihre gesammelten Daten mit denen anderer Stationen austauschte und damit in Konkurrenz trat zu Daten der Jesuiten aus Zikawei und denen aus Qingdao, das von den Japanern 1914 besetzt wurde und dessen Kontrolle zwischen 1918 und 1931 von der chinesischen Regierung beansprucht wurde. 1928 erfolgte die Gründung der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (Academia Sinica) in Nanking (Nanjing). Ein dortiges Meteorologisches Institut wurde 1929 unter der Leitung des chinesischen Geologen und Meteorologen Chu Coching oder auch Zhu Kezhen (1890−1974) eingerichtet. Er gilt als Begründer der modernen Meteorologie in China. Er veröffentlichte Arbeiten zu Taifunen.

The Zhu Kezhen (竺可桢), Quelle: Who’s Who in China 3rd edition (Seite 223), The China Weekly Review, 1925, Shanghai (中国名人录 第三版,上海密勒氏评论报,1925年, 223页), über Wikimedia Commons

In den Wirren des Bürgerkriegs wurde dessen Sitz nach Taiwan verlegt. 1949 wurde das Büro für Meteorologie der Volksrevolutionären Militärkommission der Zentralen Volksregierung in Peking gegründet.

In Tibet wurden über Jahrhunderte, wenn die Trockenheit zu stark war, aus buddhistischen Ritualen Regen über Regentänze beschworen. Lange Zeit war es für Ausländer nahezu unzugänglich. Erste vorübergehende meteorologische Messungen wurden auf der Deutschen Tibet-Expedition 1939 durch den deutschen Geophysiker Karl Wienert (1913−1992) vorgenommen. In Osttibet versuchten die Chinesen 1939, in Außenposten meteorologische Messungen vorzunehmen, die allerdings schnell isoliert waren. Erste systematische Wetteraufzeichnungen in Lhasa fanden unter chinesischer Administration 1956 statt. Auf der Insel Taiwan (Formosa) wurden 1896, unter japanischer Verwaltung, an fünf Stationen systematische Messungen aufgenommen und das meteorologische Observatorium Taipeh gegründet. Die Zentrale Wetterbehörde wurde 1941 in Chongqing auf dem Festland gegründet und 1949 zusammen mit der Kuomintang-Regierung nach Taipeh verlegt. In Hongkong wurde unter der Verwaltung des aus Irland stammenden Kolonialadministrators George Bowen (1821−1899) 1883 das Hongkong-Observatorium gegründet. Erster Direktor wurde der dänische Astronom und Meteorologe William Doberck (1852−1941). Bowen ordnete auch den Bau von Taifun-Schutzhütten an. In Macao wurden 1861 erstmals Wetterbeobachtungen aufgezeichnet. Bis 1952 war die portugiesische Marine für die Messungen verantwortlich, danach ging sie auf die Regierungsinstitution des meteorologischen und geophysikalischen Dienstes über.

In der Mongolei begannen systematische Messungen 1936 mit Gründung des Meteorologischen und Hydrologischen Dienstes.

Für lange Zeit war Japan isoliert von technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften des Westens. Mitte des 19. Jahrhunderts kam Japan in Kontakt mit der europäischen Kultur. Erste instrumentelle meteorologische Beobachtungen wurden 1862 in Yokohama, 1872 in Hakodate auf Hokkaido und 1875 in Tokio (Tokyo) organisiert. Letzteres gilt als Gründungsdatum des meteorologischen Observatoriums in Tokio. Die Tokioter Meteorologische Gesellschaft wurde 1882 gegründet und 1888 in Große Japanische Meteorologische Gesellschaft umbenannt. Erster Direktor wurde der japanische Marinemagistrat Ikonosuke Arai (1836−1909). 1883 begannen die Erstellung und Verbreitung täglicher Wetterkarten, 1884 wurden dreimal täglich landesweit Wettervorhersagen erstellt. Bis 1900 wuchs das Beobachtungsnetz auf 80 Stationen. Gut bezahltes wissenschaftliches Personal lieferte Beobachtungen in guter Qualität wie beispielweise die Aufzeichnungen verschiedener Stürme. 1901 gab der japanische Meteorologe Takematsi Okada (1874−1956) das meteorologische Buch „Moderne Meteorologie“ heraus. 1935 wurden erste Sturmwarnungen veröffentlicht.

In Korea fanden im 15. Jahrhundert systematische Niederschlagsmessungen statt (siehe Teil 5 der Serie zur Geschichte der Meteorologie). Im 1818 erschienenen astronomischen Werk Seongwanji wird auch auf die Wetterbeobachtung eingegangen. 1883 wurden durch die Joseon Maritime Customs systematische Wetteraufzeichnungen in Incheon, Wonsan und Busan vorgenommen. 1904 wurden diese durch das Meteorologische Observatorium in Japan kontrolliert. Korea wurde im Folgejahr zu einem japanischen Protektorat. Weitere Wetterstationen wurden 1907 einerseits durch den japanischen Administrator von Korea und andererseits durch das Koreanische Reich selbst, unter anderem in Pjöngjang, initiiert. 1910 wurden alle meteorologischen Beobachtungen über die japanische Administration von Korea koordiniert. 1945 gingen diese auf die US-Administration über. 1949 wurde das Nationale Zentrale Meteorologische Observatorium in Seoul im Bereich des Bildungsministeriums gegründet.

In Thailand wurde die Wissenschaft der Meteorologie 1905 durch den siamesischen Admiral und Mediziner Abhakorn Kiartiwongse (1880−1923) der Königlichen Siamesischen Marine eingeführt. 1912 wurde die Bedeutung der Meteorologie für die Navigation der Schiffe erkannt und in der Folge ein erstes meteorologisches Lehrbuch auf Thai veröffentlicht. 1923 wurde ein erster meteorologischer Dienst, die Abteilung für Meteorologie und Statistik, gegründet und dem Amt für Gewässerkunde im Bereich des Landwirtschaftsministeriums angegliedert. Es wurden Beobachtungsstationen in vielen Provinzen aufgebaut, um Temperatur- und Niederschlagsdaten aufzuzeichnen. Letztere wurden zur Konstruktion von Wehren zur Kontrolle von Hochwasser benötigt. 1928 wurde die meteorologische Ausbildung von Marineoffizieren an ausländische Hochschulen fortgesetzt. Nach Rückkehr der ersten Absolventen wurde ein richtiges meteorologisches Messnetz aufgebaut. 1936 wurde die Abteilung für Meteorologie und Statistik dem Hydrographischen Dienst der Königlichen Thailändischen Marine zugeordnet und in Meteorologischen Dienst umbenannt.

In Indochina (heute Vietnam, Kambodscha und Laos), damals eine Kolonie Frankreichs, fanden 1867 am Militärkrankenhaus in Saigon erste instrumentelle Wetteraufzeichnungen statt. 1877 folgten weitere Aufzeichnungen in Hải Phòng (im Norden Vietnams) und 1882 in Hue (in der Mitte Vietnams). 1898 wurde der Service Météorologique in Indochina gegründet und meteorologische Messungen auf das ganze Kolonialgebiet ausgeweitet. Erster Leiter wurde der französische Mathematiker Claude-Jean-Baptiste Ferra (1857−nach 1908). 1902 gründete die französische Kolonialverwaltung das Observatorium Phù Liễn bei Hải Phòng, an welchem ab 1904 meteorologische Beobachtungen starteten. Das Observatorium diente als meteorologische Zentralstation, um Wettervorhersagen für die Landwirtschaft und für die Schifffahrt zu erstellen. Es war auch zuständig für Sturmwarnungen, wenn im Südchinesischen Meer ein Taifun auftrat. 1906 bestand in Indochina ein Messnetz aus 16 Stationen. 1926 erfolgte eine Umorganisation des meteorologischen Dienstes in das neu gegründete Büro für Klimatologie und Agrarmeteorologie.

Wetterphänomene und Naturgefahren wurden vor Erlangung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Einführung von Messinstrumenten aus europäischen Ländern auf den Philippinen aus einer religiösen Perspektive verstanden. Erste meteorologische Messungen auf den damals zu Spanien gehörenden Philippinen starteten ab 1865. Der spanische Mathematiker und Physiker Francisco Colina (1837−1893) betrieb eine primitive Wetterstation in Manila, in dem er ein Thermometer, ein Hygrometer, ein Barometer und ein Anemometer in einem verlassenen Taubenhaus aufhängte und zwei- bis dreimal täglich Messwerte notierte. Im selben Jahr wurde ein Taifun untersucht, der Manila traf, dabei wurden teils stündlich Wetteraufzeichnungen vorgenommen. Dies gab den Ausschlag für die Errichtung eines Observatoriums in Manila (Observatorio Meteorológico de Manila) durch die Jesuiten-Mission. 1867 übernahm der spanische Jesuitenpriester und Mathematiker Federico Faura (1840−1897) die Leitung des Observatoriums. Weitere Messinstrumente wurden erworben, darunter 1869 ein Meteorograph, welcher rund um die Uhr aufzeichnete. 1879 gab Faura die erste Taifunwarnung heraus. Ab 1880 wurden weitere meteorologische Beobachtungsstationen auf den Philippinen in Betrieb genommen. 1884 verfügte die spanische Regierung, dass das Observatorium Manila zur offiziellen philippinischen Institution für Wettervorhersagen wurde. Ab 1885 wurden am Observatorium weitere Services wie die Zeitfestlegung sowie seismologische und astronomische Studien angeboten. 1897 veröffentlichte der spanische Jesuitenpriester, Astronom und Meteorologe José María Algué (1859−1930) das erste Buch über Taifune auf den Philippinen und stellte einen Barocyclonometer vor, eine Weiterentwicklung eines Aneroidbarometers, welcher die Bestimmung des Zentrums eines Taifuns und die Vorhersage der voraussichtlichen Zugbahn erlaubte. Nach Übernahme durch die Vereinigten Staaten 1898 erkannte die koloniale US-Administration 1901 das Observatorium Manila als philippinisches Wetterbüro an. 1908 wurde die erste Wetterkarte des Fernen Ostens publiziert.

Erste meteorologische Messungen von Temperatur und Niederschlag in Singapur, damals Teil des britischen Territoriums Straits Settlements, wurden zwischen 1820 und 1823 durch den britischen Administrator William Farquhar (1774−1839) durchgeführt. Die offizielle Erfassung von Wetterdaten in Singapur begann 1869 auf Initiative der Medizinischen Abteilung der Straits Settlements, deren ursprüngliches Ziel darin bestand, einen möglichen Zusammenhang zwischen der Ausbreitung von Krankheiten und dem lokalen Wetter zu untersuchen. In diesem Jahr wurde in Outram eine Wetterstation eingerichtet, um die monatlichen Niederschlagsmengen zu messen. Die Verantwortung für die Erhebung von Wetterdaten wurde 1927 einer neuen meteorologischen Abteilung unter dem malaiischen Vermessungsamt übertragen. Diese wurde 1929 zum Malayan Meteorological Service und erhielt neue Aufgaben zur Bereitstellung meteorologischer Dienste für ganz Britisch-Malaya. Im selben Jahr wurde auf dem Mount Faber eine neue Wetterstation errichtet, die zusätzlich mit der Erfassung von Temperaturdaten betraut wurde, womit die offiziellen Temperaturaufzeichnungen Singapurs begannen. Mit der Unabhängigkeit Singapurs von Malaysia im Jahr 1965 löste sich das Beobachtungsnetzwerk in Singapur vom Malayan Meteorological Service und wurde zum Meteorological Service Singapore.

Erste systematische Messungen in Indonesien, damals Niederländisch-Indien, wurden ab 1841 individuell im Botanischen Garten in Bogor auf Java durch den Leiter des örtlichen Krankenhauses, den niederländischen Mediziner Pieter Loth Onnen (1811−1865), durchgeführt. 1844 und 1845 führte ein defektes Barometer zur vorübergehenden Unterbrechung seiner Messreihe. 1864 wurden die Messungen nach Batavia (heute Jakarta) verlegt. 1866 wurde das Magnetische und Meteorologische Observatorium in Batavia in Betrieb genommen und damit eine staatliche meteorologische Behörde gegründet. Erster Direktor wurde der niederländische Mathematiker Pieter Adriaan Bergsma (1830−1882). 1879 wurde ein Niederschlagsmessnetz auf Java aufgebaut.

In Australien finden noch heute Traditionen der Wetterbeobachtung und mythologischen Wetterdeutung der indigenen Bevölkerung Beachtung. Von verschiedenen Stämmen der Aborigines und Torres Strait Islanders sind saisonale Kalender überliefert, die je nach Klimazone zwischen zwei und 13 Jahreszeiten unterscheiden. Erste moderne landbasierte Beobachtungen in den damaligen britischen Kolonien führte der britische Astronom und Linguist der Aborigines-Sprachen William Dawes (1762−1836) zwischen 1788 und 1791 in der Bucht von Sydney durch. Der britische Offizier, Kolonialadministrator und Astronom Sir Thomas Brisbane (1773−1860) veranlasste den Bau des ersten Observatoriums in Parramatta in New South Wales, welches 1821 eröffnet wurde. Regelmäßige Wetteraufzeichnungen wurden in Adelaide in Südaustralien ab 1839 durchgeführt. Erste Wetteraufzeichnungen an einem Observatorium in Hobarton im damaligen Van Diemen’s Land (heute Hobart in Tasmanien) fanden 1841 statt, 1852 folgten solche in Fremantle in Westaustralien und 1854 am ersten Observatorium in Melbourne in Victoria. Der britische Ingenieur und Astronom Sir Charles Todd (1826−1910) war verantwortlich für den Ausbau von Überland-Telegraphen-Verbindungen in Südaustralien. Er erkannte die Bedeutung meteorologischer Beobachtung und veranlasste 1855 seine Betreiber der Telegraphenstationen, meteorologische Beobachtungen zu übermitteln. So entstand ein erstes Messnetz. In Victoria wurden erste Wetterbeobachtungen 1854 aufgezeichnet. Ab 1856 wertete der aus der bayerischen Pfalz stammende Geophysiker und Polarforscher Georg von Neumayer (1826−1909) am Flagstaff-Observatorium in Melbourne Schiffslogbücher aus, um aus diesen Daten die optimale Schiffsroute zwischen Europa und Australien zu finden. Im Northern Territory folgten erste tägliche Aufzeichnungen in Port Darwin (heute Darwin) ab 1869. Ab 1870 erfolgte die Kommunikation standardisierter Wetterberichte in allen Kolonien mittels Telegraphie. 1877 wurde die erste Wetterkarte in der Zeitung Sydney Morning Herald veröffentlicht. Zwischen 1887 und 1903 betrieb der britische Meteorologe Clement Lindley Wragge (1852−1922) ein Messnetz, das große Teile von Queensland umfasste. Wragge war der Erste, der tropische Zyklone benannte. Neben Buchstaben des griechischen Alphabets verwendetet er hierfür Charaktere der griechischen und römischen Mythologie und sogar Namen lokaler Politiker. 1899 untersuchte er den Zyklon Mahina, bis heute einer der heftigsten Zyklone, die Queensland trafen.

Zugbahn des Zyklons Mahina, 1899, Clement Lindley Wragge, Quelle: Kerry Raymond über Wikimedia Commons

1902 versuchte Wragge erfolglos, mit Regenkanonen die Dürre in Queensland zu beenden. Fünf Jahre nach der Unabhängigkeit wurde 1906 die Verantwortung für Meteorologie und Astronomie der Bundesregierung übertragen. Der britische Meteorologe Henry Ambrose Hunt (1866−1946) wurde erster „Commonwealth Meteorologist“. 1908 erfolgte die Gründung des meteorologischen Dienstes (Bureau of Meteorology). Vorhersagen für die verschiedenen Landesteile wurden zunächst per Morsecode übertragen.

In Neuseeland waren vor der europäischen Besiedlung durch die Māori und Polynesier Passatwinde bekannt. Die Māori nutzten spezielle Wolkenformationen und -muster besonders zum Sonnenuntergang zur Vorhersage von möglichem Regen am Folgetag. Der britische Landwirt, Laienpriester und Missionar Richard Davis (1790−1863) führte in zwei Tagebüchern Wetteraufzeichnungen. Eines umfasst den Zeitraum 1839 bis 1844 in der Te Waimate Mission, das andere von 1849 bis 1851 in Kaikohe, beide im äußersten Norden von Neuseeland. Die Aufzeichnungen umfassten Temperatur und Luftdruck sowie qualitative Anmerkungen zu Windgeschwindigkeit und -richtung, Extremwetter und Bewölkung. Es gibt zwei Einträge über Schneefall, was in der Northland Region nördlich von Auckland ein sehr seltenes Ereignis ist. Die Aufzeichnungen gelten als die ältesten kontinuierlichen landgestützten Aufzeichnungen in Neuseeland. Die Royal Engineers hatten in den 1850er Jahren begonnen, regelmäßige landgestützte Beobachtungen in Auckland durchzuführen. Nach einer Serie von Schiffsunglücken richtete das Marineministerium 1861 einen Wettervorhersagedienst ins Leben. Das erste Messnetz umfasste neun Wetterstationen von der Bay of Islands auf der Nordinsel bis Dunedin auf der Südinsel. Nachdem zuvor ein experimentelles Sturmwarnsystem eingerichtet worden war, ernannte das Marine-Ministerium im Januar 1874 den britischen Meteorologen Robert Atherton Edwin (1839−1911) zum ersten offiziellen Wettervorhersager Neuseelands. Ende 1882 begannen die Zeitungen, Wetterkarten abzudrucken. Diese basierten auf den Berichten von etwa 24 Wetterstationen. Edwin sandte den großen Zeitungen täglich Berichte zusammen mit Codenummern, die einem der 24 über Neuseeland häufig auftretenden Isobarenmuster (Luftdruckmuster) entsprachen. Die Nummer gab an, welche Karte abzudrucken war. Bis 1926 blieb die Wettervorhersage eine Aufgabe der Marine, bevor ihre Eingliederung in das neu gegründete Ministerium für wissenschaftliche und industrielle Forschung erfolgte. 1927 wurde der neuseeländische Meteorologe Edward Kidson (1882−1939) zum ersten „Dominion Meteorologist“ ernannt. Seinerzeit war der neuseeländische Wetterdienst eine kleine Einrichtung mit fünf Mitarbeitern und einem völligen Mangel an qualitativ brauchbaren meteorologischen Langzeitaufzeichnungen.

Erste meteorologische Aufzeichnungen im Bereich der Inselwelt des südwestlichen Pazifiks erfolgten 1851 durch den britischen Missionar Reverend George Turner (1818−1891) am 1848 von der London Missionary Society gegründeten Malua Theological College auf der Insel Upola (Samoa). Notiert wurden Niederschlagsmengen und tägliche Temperaturmaxima. Systematische Messungen in Samoa erfolgten zu deutschen Kolonialzeiten (s.u.). Auf Fidschi begannen Temperaturaufzeichnungen 1861 in Levuka. Ab 1892 wurden an der Rarawai Mill im Nordteil der Insel auf einer monatlichen Basis meteorologische Aufzeichnungen notiert, vornehmlich um das Überschwemmungsrisiko des Flusses Ba für anliegende Zuckerrohrplantagen abzuschätzen. 1905 begannen tägliche systematische Wetteraufzeichnungen. Auf Tahiti (Französisch-Polynesien) liegen erste meteorologische Aufzeichnungen aus 1855 vor. Monatliche Durchschnittswerte für Luftdruck und Feuchte, die Hauptwindrichtung und aufgetretene Extremtemperaturen wurden in Kolonialzeitungen wie im Message de Tahiti ab 1860 veröffentlicht. 1922 richtete der französische Wetterdienst die erste Wetterstation in Pape‘ari an der Südküste ein. Auf Hawaii, damals als Sandwich-Inseln bekannt, wurden auf Expeditionen erste meteorologische Aufzeichnungen verzeichnet, so für Luftdruck und Temperatur 1794 auf dem Mauna Loa durch den britischen Botaniker Archibald Menzies (1754−1842). Erste systematische Niederschlagsmessungen initiierte 1837 der britisch-hawaiianische Mediziner Thomas Charles Byde Rooke (1806−1858) in Honolulu. Während der United States Exploring Expedition wurden auf dem Mauna Loa 1840/1841 über wenige Wochen systematisch das Wetter beobachtet. Das Eintreffen internationaler Expeditionen zum Venus-Transit 1874 markierte den Beginn systematischer Wetteraufzeichnungen im Bereich des Hafens von Honolulu. Das Wachstum in der Ananas- und Zuckerproduktion machte neue Niederschlags-Messstationen notwendig. Dezentrale und private Wetterbeobachtungen wurden ab 1892 vom Hawaiian Weather Bureau zusammengeführt. Nach der Annexion 1898 wurden die Aufgaben nahtlos an den Hawaii Territory Survey übergeben, bevor 1904 der US-amerikanische Wetterdienst die Stationen übernahm.

Im Bereich der Deutschen Schutzgebiete in der Südsee wurden Überseestationen eingerichtet, deren meteorologische Messungen vielfach als die ersten in dieser Region gelten. Von besonderem Interesse waren Niederschlag und Temperatur. In Neuguinea (heute Teil von Papua-Neuguinea) wurde im ersten Verwaltungssitz Finschhafen 1886 mit meteorologischen Aufzeichnungen begonnen, eine längere Aufzeichnungsreihe startete auf dem nahegelegenen Sattelberg 1900. Vom vierten Verwaltungssitz Herbertshöhe (heute Kokopo) liegen Aufzeichnungen ab 1902 vor. Bis auf Samoa waren alle pazifischen Inseln dem Schutzgebiet Neuguinea zugeordnet. Von Jaluit auf den Marshallinseln wurden erste meteorologische Messungen 1891 getätigt. Auf Nauru (Naoero) wurde ab 1892 das Wetter aufgezeichnet, die Station lag im Südosten der Insel (heute Distrikt Meneng). Auf den Karolinen (heute Mikronesien und Palau) erfolgten erste meteorologische Beobachtungen im Bereich der Westkarolinen in Tomilhafen auf Jap (heute Colonia auf Yap) ab 1899 und im Bereich der Ostkarolinen in Kolonia auf Ponape (heute Pohnpei) ab 1900 sowie in Palau auf Malakal im Westteil von Koror 1901. Im selben Jahr starteten in Saipan auf den Marianen (heute Nördliche Marianen) meteorologische Beobachtungen. In Samoa wurde die Messstation Apia 1890 in Betrieb genommen. Der preußische Naturwissenschaftler Otto Tetens (1865−1945) errichtete dort 1902 das Geophysikalische Observatorium Apia auf der Halbinsel Mulinu’u, an welchem seismische Messungen und chronometrische Analysen durchgeführt sowie die meteorologischen Beobachtungen auf Samoa qualitätsüberprüft wurden. Heute befindet sich an dieser Stelle der samoanische Wetterdienst.

Wetterhütte der Überseestation Apia, Quellen: Archiv Deutsche Seewarte über Deutscher Wetterdienst, Otto Tetens 1903 via Christiane Niggemann durch den Sāmoa Meteorological Service

Im nächsten Teil der Serie zur Geschichte der Meteorologie werden ähnliche meteorologische Entwicklungen in ausgewählten Ländern von Amerika und Afrika beleuchtet.

Dipl.-Met. Markus Eifried
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 07.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

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„WeatherNext3“ – Wie zuverlässig ist ein KI-Modell ohne explizite Physik?

6. September 2026/in Thema des Tages, Wetter, Wetterlexikon/von WINDINFO

Am 3. September 2026 wurde ein neues KI-Modell vorgestellt. Das Modell wird als großer und wichtiger Meilenstein im Bereich der Wettervorhersage mit KI angesehen. Doch wo liegt der Unterschied zu den bisherigen KI-Modellen?

Das neue Modell erzeugt im Gegensatz zu bisherigen KI-Modellen eine stündliche Vorhersage. Zudem lernt das Modell direkt aus Beobachtungen, wodurch es Informationen nutzen kann, die in klassischen Analysesystemen erst verarbeitet werden müssen. Dies ist besonders beim Niederschlag interessant, weil Radar- und Satellitenbeobachtungen meist wesentlich näher an der tatsächlichen Niederschlagsverteilung liegen als eine globale Analyse eines numerischen Wettervorhersagemodells. Das führt zu großen Vorteilen hinsichtlich der Geschwindigkeit der Berechnungen und der damit verbundenen Aktualisierungsfrequenzen.

Trotz dieser Vorteile ergeben sich auch im neuen Wettervorhersagemodell WeatherNext3 Schwachstellen. Bevor wir auf diese eingehen, stellt sich zunächst die Frage nach den Unterschieden zu einem herkömmlichen numerischen Wettervorhersagemodell.

Bei einem numerischen Wettervorhersagemodell werden die Beobachtungen der verschiedenen meteorologischen Messinstrumente durch Datenassimilation zu einem für das Modell geeigneten Anfangszustand gebracht. Anschließend wird der zukünftige Zustand der Atmosphäre mithilfe diskretisierter physikalischer Gleichungen berechnet. KI-Modelle benutzen dagegen keine physikalischen Gleichungen zur Berechnung des zukünftigen atmosphärischen Zustandes. Das Modell lernt bestimmte Muster und Zustände aus einem großen Trainingsdatensatz. Dabei wurden bei vielen der bisherigen KI-Modelle als Grundlage überwiegend Reanalysen der numerischen Wettervorhersagemodelle verwendet. Diese stellen bereits durch Datenassimilation aufbereitete, räumlich und zeitlich konsistente Felder der Atmosphäre dar. WeatherNext3 benutzt jedoch als Anfangszustand zusätzlich Beobachtungsdaten von Satelliten und Wetterstationen.

Dadurch ergeben sich neben den oben genannten Vorteilen aber auch einige potenzielle Schwachpunkte.

WeatherNext3 benutzt als Anfangszustand Beobachtungsdaten. Direkte Beobachtungsdaten enthalten Mess-, Repräsentativitäts-, Übertragungs- und Kalibrierungsfehler. Während klassische Datenassimilation diese Unsicherheiten explizit modelliert und gewichtet, muss ein neuronales Modell den Umgang mit solchen Fehlerstrukturen implizit aus den Trainingsdaten lernen. Besonders bei bisher unbekannten Sensorfehlern kann dies zu systematischen Fehlern führen. Zudem stellt sich die Frage, wie robust das Modell bei Datenausfall ist. Der Ausfall einzelner Satellitenkanäle, Kalibrationsänderungen der Messinstrumente oder die Einführung neuer Sensoren können die Statistik der Eingabedaten verändern.

Neuronale Modelle lernen aus historischen Daten. Wenn die Atmosphäre nun aber neue Zustände annimmt, die nicht bekannt sind, kann es zu Fehlern kommen. Dies ist gerade im Hinblick auf den Klimawandel interessant. Bei einer historischen Hitzewelle sind durch die höheren Temperaturen auch andere meteorologische Variablen verändert. Dadurch steigt beispielsweise auch die in einer Luftmasse enthaltende Feuchte an – eine wichtige Variable zur Vorhersage von Starkniederschlägen. Nun hat die KI aber gelernt, dass bei diesem bestimmten synoptischen Muster, welches sie aus der Vergangenheit kennt, 50 l/qm innerhalb von 6 Stunden fallen können. In der Realität kann dies dazu führen, dass dieselbe großräumige Wetterlage deutlich stärkere Niederschläge erzeugt. Dadurch kann das Modell anfangs in dieser Situation die Starkregenfälle deutlich unterschätzen.

Gerade bei der Kombination aus neuartigen klimatischen Bedingungen und ungewöhnlichen extremen Wetterereignissen steht die KI teils vor größeren Problemen. Ein durchschnittliches Verifikationsmaß kann diese gesellschaftlich besonders relevanten Ereignisse verschleiern. Ein Modell kann nämlich im globalen Mittel einen sehr guten RMSE (Root Mean Square Error) oder auch sehr gute Werte bei probabilistischen Bewertungsmaßen erzielen und dennoch bei Starkregen, rapider Intensivierung von Stürmen oder kleinräumiger Konvektion deutlich schlechter abschneiden.

Zudem kann ein KI-Modell zwar einen Zustand erzeugen, der bei den einzelnen meteorologischen Variablen als plausibel erscheint, aber in ihrer Kombination physikalisch nicht vollständig konsistent ist. Diese Inkonsistenz kann sich mit zunehmender Vorhersagezeit fortpflanzen. Dadurch kann die Vorhersage eines KI-Modells bei kurzer Vorhersagezeit trotz physikalischer Inkonsistenz noch eine höhere Güte aufweisen, mit zunehmender Vorhersagezeit dann aber eine schlechtere Vorhersage liefern.

Außerdem können räumliche Artefakte in den Prognosefeldern auftreten. Diese Strukturen können durch die interne Modellgeometrie entstehen. Dabei kann es vorkommen, dass die neuronale Architektur bestimmte räumliche Skalen oder Symmetrien systematisch bevorzugt, glättet oder verzerrt. Gerade wiederum bei der Vorhersage von kleinräumigen und extremen Wetterereignissen kann dieser Fehler problematisch sein. So können beispielsweise Fronten oder kleinräumige Niederschlagsmaxima durch Glättungsprozesse abgeschwächt oder auch räumlich verschoben werden.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Interpretierbarkeit der Vorhersage. Bei numerischen Modellen lassen sich Fehler häufig bestimmten physikalischen Prozessen, Parametrisierungen oder Anfangsbedingungen zuordnen. Bei KI-Modellen ist deutlich schwieriger nachzuvollziehen, warum eine bestimmte Vorhersage entstanden ist. Dies kann vor allem im operationellen Wetterdienst problematisch sein, wenn Meteorologen die Plausibilität einer Prognose beurteilen müssen.

KI-Wettermodelle sind insgesamt ein großer Fortschritt – doch gerade bei unbekannten Wetterregimen, seltenen Extremereignissen und sich rasch veränderten klimatischen Bedingungen wird sich zeigen, wie robust sie wirklich sind. Auch numerische Modelle enthalten Fehler in der Datenassimilation, numerischen Diskretisierung und der Parametrisierung physikalischer Prozesse. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch vielmehr darin, dass diese Fehlerquellen expliziter beschrieben und physikalisch diagnostiziert werden können. Somit ist das wahrscheinlichste Zukunftsszenario nicht die vollständige Ablösung numerischer Wettervorhersagemodelle, sondern ein hybrides System aus KI- und numerischen Wettervorhersagemodellen, welches die Vorhersagegüte voraussichtlich insgesamt steigern wird.

M.Sc. Meteorologe Nico Bauer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 06.09.2026
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

 

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